Zeitreise in die Vergangenheit

25 Jahre ist es her. Ganz am Ende des Dorfes zeichnet sich durch den Regen und die Gischt der rauen See, die über die Klippen und Felsen tobt, ca. 100 Meter entfernt ein allein stehendes Gebäude ab. Die tiefhängenden Wolken lassen nur wenig kaltes Tageslicht durch. Warm scheint das Licht aus den Fenstern des Gebäudes. Drinnen stehen meine KollegInnen und ich und reinigen Meeresvögel von Öl und päppeln sie wieder auf für das weitere Leben in Freiheit. Den ganzen Tag. Abends geht es mit dem kleinen PKW Transporter in die umgebenden Dörfer zu traditionellen bretonischen Volksfesten. Ohne einen einzigen Tourist. Zweimal erlebe ich das über die komplette Länge meiner Winterferien als Teenager.

25 Jahre später bin ich zurück an der Station ornithologique und drücke mich an der offenstehenden Hintertür herum, in der Hoffnung jmd anzutreffen. Und da – BAMM! – erwischt es mich. Der Geruch ist exakt der gleiche wie damals. Ein Erinnerungsflash überfällt mich.
Die Bretagne ist seitdem dieser 15-jährige Junge hier war eine Art zweite Wunschheimat mit sehr vielen Erinnerung aus einer für mich sehr wichtigen Zeit.
Von Berlin aus mache ich mich auf den Weg in den westlichsten Teil Frankreichs, die Nase, die im Norden der Republik in den Atlantik sticht. Das Pure & Crafted stellt mir dafür die BMW R9T.
2 Wochen habe ich Zeit, um meine Erinnerungen wiederzufinden und zu beleben. Um möglichst viel Zeit vor Ort zu haben, entscheide ich mich bei der Reiseplanung dafür, die Etappen auf dem Weg in die Bretagne per Autobahn zu absolvieren.

Montag, 23. Juli 2018
Die R9T ist für 2 Wochen bepackt und trägt mich souverän über die Autobahn nach Münster. Für mich als Fahrer einer gut 60 Jahre alten Triumph im Starrahmen ein ungewohntes Gefühl. Kein Geruckel von Unebenheiten der Fahrbahn, kein Kampf mit der Maschine. Stattdessen der recht erhebliche Kraftunterschied zu den sportlichen 110 PS, die aus den 1200ccm des Boxermotors drängen.

Dienstag, 24. Juli 2018
Nach einem entspannten Abend mit meinem Bruder bei Münster schlüpfe ich am folgenden Tag wieder in meine BMW Lederkombi. Bei soviel Autobahnkilometern macht so eine Kombi ja schon Sinn denke ich. Niedriggarmethode ist ja unter Köchen sehr beliebt. So viel Zeit haben wir allerdings nicht- daher wird die komplette Hin- wie auch später die Rückreise im ledernen Garschlauch stattdessen bei Maximaltemperatur absolviert. Es geht durch die Niederlande und Belgien bis direkt hinter die französische Grenze. In Valenciennes erwartet mich das erste Hotel mit seiner kalten Dusche. Was eine Erleichterung. Ganz wichtig: Besuch im Supermarkt: Baguette und Rillettes kaufen. Erst dann bin ich in Frankreich. Die geliebte Meersalzbutter kann leider nicht mit bei der Hitze.

Mittwoch, 25. Juli 2018
Am nächsten Morgen alle Taschen wieder aufsatteln und los geht’s. Die Bretagne ist in greifbare Nähe gerückt. Ich entscheide mich dafür ausnahmsweise eine Landstrassenpartie einzulegen. Leider ist das Navi davon nicht restlos überzeugt und führt mich schön an der Nase herum. Die Fahrtzeit explodiert mal eben auf das Doppelte und der Zwischenpunkt LeHavre wurde selbsttätig gelöscht. Trotzdem will ich doch endlich das Meer sehen! Ein kurzer Stopover in der Nähe von Trouville ( Wer erinnert sich an den schönen Indiefilm „Der Strand von Trouville“?) lässt mich das Meer atmen. Der Ort versucht mich mit dem Flair des aufgeräumten, leicht „poshen“ Seebades für die Normandie zu gewinnen. Aber es soll ja trotz der Hitze weitergehen. Endlich in Rennes überrascht das kleine Hotel mit einem erstaunlichen Mix aus Schiffsästetik und schwarzweissen Fotografien aus Burlesk und Jazz. Die Einzelgarage der Hotelführung wird für die R9T bereit- gestellt, die dort die Nacht sicher mit ein paar Treckingfahrrädern anderer Gäste verbringen darf. Ein Abstecher in die Innenstadt der bretonischen Hauptstadt ist zeit- und kräftemässig leider nicht mehr drin. Die Kerntemperatur ist gefährlich hoch und muss lieber im Hotelgarten mit kaltem Bier gesenkt werden.

Donnerstag, 26. Juli 2018Aber: endlich in der Bretagne! Also aufgesattelt und los geht’s hinein in das Land voller lebendiger, uralter Bräuche und Kunsthandwerke. Wir sind zu einem guten Team zusammengewachsen und mein Gepäckbefestigungssystem ist mittlerweile perfektioniert. Gegen frühen Nachmittag erreiche ich den Campingplatz direkt am Meer. Die Bezahlung musste bereits im Vorfeld stattfinden. Also Namen ansagen, Stellplatznummer erfahren und RAUS AUS DEN KLAMOTTEN! Das Zelt ist schnell aufgebaut und der erste Espresso auf dem Gaskocher zubereitet. Angekommen. Auch

Hier sind es über 30 Grad, die Sonne brennt. Das Meer ist direkt hinter den schattenspendenden Bäumen. Die Flut hat den Sandstrand auf einen schmalen Streifen konzentriert. Glasklares, türkisfarbenen Salzwasser. Wunderbar. Endlich wieder im Meer schwimmen.
Abends dann bei einem Pastis ein Blick in meine Planung. Ich habe mir eine Mischung an Stationen vorgenommen, die meiner Meinung nach die Bretagne gut vorstellen. Ihre wunderbare wilde Landschaft, wie auch ihre lebendige und lebhafte Geschichte.

Freitag, 27. Juli 2018
Es ist etwas abgekühlt. Die Destillerie de Menhir steht auf dem Programm. Nach einer kleinen Spritztour in Regenkombi über kleine, kurvige Strassen zum Leuchtturm von Penmarc’h fahre ich durch leichten Nieselregen in das Dorf Plomelin. Hier bin ich mit Christel verabredet. Sie ist die Frau eines der drei Brüder, die die Destillerie führen. Neben dem traditionellen bretonischen Apfelschnaps Ambig, der aus Cidre gewonnen wird, wird hier der einzige Buchweizenwhiskey gebrannt. Buchweizen oder „blé noir“ ist in der Bretagne ein wichtiges Getreide. Angeblich durch die letzte Regentin der Bretagne Anne de Bretagne und zweimalige Königin von Frankreich eingeführt, nachdem die Kreuzritter das Getreide mitgebracht hatten. Eine getreideähnliche Pflanze die auch auf den kargen Böden der Bretagne schnell und üppig gedeiht. Im Fasskeller zeigt ein Fenster aus farbigem Glas Anne de Bretagne mit einem Strauss Buchweizen in der Hand.

Nach einer interessanten Führung schlägt der leckere Lambig auch direkt an. Ich fahre Richtung Benodet und schalte den Suchradar nach einer Patisserie artisanal – übersetzt: eine kunsthandwerkliche Konditorei- ein. Neben den Klassikern der französischen Patisserie wie „Eclair“ und „Tarte au citron“ gehört der süsse Teil meines Gaumens seit damals dem „Kouign Amann“. Ein traditioneller bretonischer Kuchen, der aus kunstvoll gefaltetem Teig und Unmengen von Zucker und „guterButter“ besteht. Ich finde einen tollen Bäcker, geniesse den Kuchen und notiere mir im Kopf meine Platzierung. Es wird jetzt jeden Tag mindestens ein weiterer Anwärter auf den ersten Platz hinzukommen. Ich geniesse die kleinen Strassen durch die Kleinstadt Benodet zu fahren, die in der gerade wieder durchbrechenden Sonne schön an der Mündung des Odet liegt. Der Nachbarort Le Guilvinec ist bekannt für seinen Fischereihafen. In einem Strassencafe nehme ich ein schnelles Bier und frage die Wirtin nach einer Empfehlung für ein Fischrestaurant, in das auch sie gehen würde. Ganz klar fällt die Empfehlung auf La Chaumière am anderen Ende des kleinen Hafens. Hinter im aufbrausenden Wind flatternden Fahnen der Bretagne mit ihren schwarzen Hermelinschänzen und schwarzen Streifen auf weissem Grund liegt das kleine Restaurant mit ca 10 Tischen. Ich nehme eine „cassolette de saint jacques bretonne“. Die Jakobsmuschel ist eine meiner Lieblingsspeisen und wird direkt in der Bretagne unter strengen Auflagen in der Bucht von St Brieuc und vor Brest gefangen. Herrlich.

Nach dem Essen schnell die Küstenstrasse entlang durch die untergehende Sonne. Heute Abend soll der Blutmond zu sehen sein. Als ich aber am Strand hinter dem Campingplatz ankomme ist der Himmel dermassen verrammelt von schweren Wolken, das vom Mond nichts zu erahnen ist. Der Wind ist noch stärker geworden und peitscht mir ganz fein zerstäubten Regen ins Gesicht.

Samstag, 28. Juli 2018
Das Zelt hält aber und bleibt dicht.
Das Ziel heute ist der westlichste Punkt des nordeuropäischen Festlandes. Nur in Portugal kann man noch westlicher kommen als am Pointe de Corsen. Die Fahrt führt mich in die Mitte der Bretagne und von dort um die Bucht von Brest herum. Möglicherweise habe ich kurz nicht ganz auf die Tempolimits geachtet. Ohne Gepäck macht die R9T nochmal mehr Spass. Ich habe die Temperatur unterschätzt und statt Lederhose eine dünne Jeans angezogen. Nach den ca 3 Stunden Fahrt bin ich ordentlich durchgefroren. Es sind nur noch ca 18 Grad aus denen später im Laufe des Tages maximal 20 werden. Vom Aussichtspunkt nehme ich die kleinen Strassen über Land zurück. Die Kurven machen grossen Spass mit der R9T. Mein nächstes Ziel ist die malerische Hafenstadt Douarnenez in der Bucht von Brest. Ein Städtchen aus den typischen bretonischen Natursteinhäusern mit einer bunten Häuserfront an der Hafenpromenade. Die Jagd nach dem Kouign Amann findet schnell zum Ziel und danach geht’s durch steile, schmale Gassen runter zum Hafen. Hier ist heute Hafenfest und eine bunt gekleidete Gruppe mit Instrumenten verschiedenster Art schmettert Volkslieder und Jazzklassiker auf dem Kai während in der Bucht vor dem Hafen unzählige grosse und kleine Segelschiffe kreuzen oder liegen.
Mein letztes Ziel für heute ist aber das Dorf Locronan, dass ich als Jugendlicher so sehr geliebt habe. Ein Dorf ausschliesslich aus historischen Natursteinhäusern in unrenoviertem Zustand in denen KünstlerInnen und KunsthandwerkerInnen ihren unterschiedlichen Berufungen nachgingen.

Eine ganz tolle Erinnerung, die mir nie aus dem Kopf ging. Als ich das Ortsschild hinter mir lasse empfängt mich ein Ordner in Warnweste und dirigiert mich auf einen Parkplatz. Ich schlucke. Und als ich nach kurzem Fussmarsch auf dem Dorfplatz ankomme bricht meine Vorstellung von diesem Ort dann auch ganz zusammen. Es handelt sich ausschliesslich um Touri-optimierte Geschäfte. Kein minderwertiger Kram, aber eben auch keine Spur mehr von den teils abenteuerlich aussehenden KünstlerInnen und den kleinen vollgestopften Atelierläden. Die leicht morbide Stimmung der alten Gebäude ist auch nicht mehr so bestimmend. Das spezielle Flair dieses Ortes, an dem man in meiner Erinnerung als Besucher kurz Zaungast sein durfte, ist verloren. Ich bin enttäuscht. Der Regen hat wieder eingesetzt. Auf zurück zum Camping.

Die Nacht in meinem mini Zelt wird anstrengend und schlafarm. Der Wind nimmt wieder zu und ist mit dem Regen sehr laut auf dem Stoff des Zeltes. Dazu die Bemühung mich möglichst wenig zu bewegen, damit kein Gepäck oder Kleidungsstück an die Zeltwand kommt und damit dann das Wasser eintreten würde.

Sonntag, 29. Juli 2018
Der Regen hört nicht auf. Ich versuche entgegen meinem Rhythmus einfach im Schlafsack zu bleiben und es auszuliegen aber das glaubt ja auch nur eine gewisse Zeit. Leider hat mein kleines Zelt kein Vordach, geschweige denn Vorzelt. Das heisst im Moment des Öffnen regnet es direkt ins Zelt und auf meine Sachen. Naja, dafür ist das Zelt klein im Packmaß und war trotzdem bezahlbar. Da dar Regen nicht nachlässt, kapere ich einfach die Veranda eines leerstehenden Ferienbungalows, und koche mir, in meine Mexikodecke gewickelt, meinen Espresso. „Pain au Chocolat“ und „Pain de raisin“ vom kleinen Campingplatzsupermarkt schmecken sogar bei dem Scheisswetter toll. Obwohl ich einige pikierte oder mindestens verständnislose Blicke ernte, kann ich ungestört die nächsten 5 Stunden hier verbringen. Kaffee ist da, Tabak ist da, nur leider nichts zu lesen ausser der BXXX Zeitung und schlecht funktionierendem Internet. Die Laune ist ziemlich am Tiefpunkt- noch unterhalb der real vorliegenden 16-18 Grad, Wind und Regen.


Als sich das Wetter zu beruhigen scheint – einschlägige Wetterportale machen Hoffnung- schmeisse ich mich in die Lederkombi und flüchte vom Platz. In Quimper, der ältesten Stadt der Bretagne, ist ein Festival bretonischer Kultur. Schon auf der ca 30minütigen Fahrt zeigt mir der Himmel, dass ihm die Vorhersage recht egal ist. Mit Abstellen der R9T geht der Regen wieder richtig los und peitscht abermals durch die engen Gassen der mittelalterlich anmutenden Stadt. Auf dem zentralen Festplatz treffe ich dann doch auf Menschen, die sich unter einzelnen Zelten aufhalten und den Regen abwarten. Auf der Bühne bieten verschieden Tanzgruppen Formationstänze zu bretonischer Musik dar. Bei den ersten Klängen dieser charakteristischen Musik geht ein Schauer durch meinen Körper. Ich bin zurück! Damals die Besuche bei den sogenannten Fest Noz (traditionelles bretonisches Volksfest) drängen aus meinem Gedächtnis. Wie zB diesem15jährigen Möchtegern-Provinzpunker eine über 80jährige taube Frau die ersten Schritte und Bewegungen des bretonischen Tanzes beibrachte. Tolle Erinnerungen.
Der Nieselregen lässt die Erinnerungen etwas verschwimmen, das flaue Gefühl im Magen bleibt als trotz des nervigen Regens und der Böen die Parade verschiedener Tanz- und Musikgruppen durch die Allstadt beginnt. Der tägliche Wettbewerbsbeitrag im Kuchensegment weiss die Stimmung temporär zu heben. Ich gönne mir noch einen kleinen Fischteller bevor ich zurück zu meinem Zelt fahre. Die Lederkombi, die mir freundlicherweise von der Bekleidungsabteilung von BMW Motorrad zur Verfügung gestellt wurde, hält den Dauerregen komplett ab.

Montag, 30. Juli 2018
Am nächsten Morgen zeigt sich nur leider das Problem des beengten Feuchtraums: sämtliche Kleidungsstücke im Zelt haben die eingetragene Feuchtigkeit fair und gleichmässig unter sich aufgeteilt. Alles ist feucht und klamm. ABER: während des Besuchs im Waschhaus drängelt sich endlich die Sonne wieder durch. Sehr zaghaft aber immerhin. Meine Bialetti dampft. Espresso und die herrlichen frischen Pain au chocolat und Pain de Raisin. Meine Laune steigt während ein paar Klamotten in der Sonne anfangen zu trocknen. Heute geht es zu einer Austernzüchterin. Für einen richtigen Termin, bei dem ich etwas über die Austernzucht lerne, reicht die Zeit zu dieser Saison nicht. Es sind französische Blockferien.
Ich fahre durch die schöne Landschaft, halte kurz in Forêt Fouesnant für eine Kuchenprobe und fahre dann über einspurige Ministrassen endlos übers Land. Durch Wälder und Wiesen. Ein Rehbock schreckt auf und rennt parallel zu mir übers Feld davon. Die R9T liegt schön in den Kurven so ohne Gepäck. Das macht Spass.

Ich fahre durch den kleinen Ort Riec-sur-Belon und folge den Schildern zur Austernzucht. Die Belonmündung ist einer von zwei Orten in der Bretagne, die auch weit über ihre Grenzen für die Austernzucht berühmt sind. In der kleinen Bucht liegen einige Boote in dem wenigen Wasser, das die Ebbe zurückgelassen hat. Drei Austernzüchter mit angegliedertem Restaurant liegen hier direkt am Becken. Ein Stück abseits liegt ein weiteres. Anne de Belon. Ich folge dem Uferweg und der Kaimauer und sehe schon im trocken liegenden Flussbett die Becken und Kästen, die für die Austernzucht dort installiert sind. Am Ende des Weges liegt das kleine Restaurant mit offenem Zubereitungsbereich. Draussen sitzen Menschen auf weissen Plastikstühlen und schauen auf die Mündung des Flüsschen aus dessen Wasser sie gerade feinste Austern schlürfen. Die Sonne scheint mittlerweile richtig kräftig. Aus einer kleinen Box trällert Reggae und Ragga. Hinter hört man hört jmd Muscheln knacken. Vorn zwischen den Tischen schlafen Kätzchen im Schatten der geniessenden Besucher.

Ich bestelle einen „Assiette du jour“ mit verschiedenen Austern, Muscheln und Langusten. Es ist traumhaft und schmeckt wunderbar. Mittlerweile sind alle Gäste weg und das Team sitzt bei Kaffee und Zigarette auf der Terrasse. Ich fühle mich sehr wohl. Nach einem Kaffee trenne ich mich schweren Herzens von der schönen Athmosphäre und freue mich die kleinen Sträßchen durch die Natur zu fahren.

Ein kleiner Zwischenstop in der Ville close, dem ummauerten mittelalterlichen Stadtkern in Concorneau bringt mich zu einem hervorragenden Exemplar meines geliebten Kouign Amann.

Dienstag, 31. Juli 2018
Die Nacht war echt scheisse. Ein neuer Nachbar hat sein Zelt neben mir aufgeschlagen und weckt mich bereits um 5. Ganz toll. Ich versuche die Geräuschkulisse zu ignorieren und döse noch bis acht. Heute ist der Tag. Es geht zur Station ornithologique auf der Isle Grande an der Nordküste der Bretagne. Also einmal quer durch und als ich auf der Nordseite der Bretagne rauskomme springen mir auf jedem Strassenschild die Ortsnamen entgegen. Dort war ich mal, dort war das und das und bei den meisten Namen klingelt es nur im Kopf. An Details jeweils vor Ort kann ich mich nur selten erinnern. Aber ein schönes Gefühl. Ich fahre durch die kleinen Sträßchen über Land zwischen Steinmauern und offenen Feldern. Mein erster Anlaufpunkt ist das „Maison entre deux Rochers“. Früher war das schwer zu finden, heute ist es auf Google Maps eingetragen. Schön ist es trotzdem noch. Und dazu der namens-gebende rosa Granitstein der Cote de Granit rose. Es zieht mich weiter. Ich bin echt gespannt auf die Station, obwohl ich weiss, dass ich dort nicht viel erleben werde. Der Chef ist laut Website immer noch der gleiche, aber die Verbindung hatte ich eher mit den Kollegen.
Die R9T fliegt zwischen den Feldern entlang und schmiegt sich um die teils rechtwinkligen Kurven. Die Sonne ist mittlerweile richtig am Start und zeigt was sie kann.
Erster Blickkontakt mit der Station. Krass. Ist das lange her und doch sieht alles aus wie in meiner Erinnerung. Der erste Impuls ist den schmalen Weg vom Besucherparkplatz zum Mitarbeiterparkplatz hinterm Haus zu fahren. Ich mache es aber natürlich doch nicht und stelle das Bike vorne ab. Als ich am Haus ankomme verlässt gerade eine Führung den Bereich und bewegt sich zu der Voliere, in der die aufgepäppelten Vögel auf ihre Auswilderung warten. Auf der Rückseite des Gebäudes finde ich die Tür zu den Wirtschaftsräumen offen und stecke die Nase rein. Zeitreise! Es ist unglaublich wie man Gerüche abspeichert. Diese Mischung aus Futterfisch, Desinfektions- und Reinigungsmittel und Vögeln. Auch das Aussenbecken mit Schwimmbassin ist noch unverändert da.

Von dort ragt einen lange felsige Spitze in die See, die sich gerade ebbebedingt ganz zurückgezogen hat und sein steiniges Bett offenbart. Vorn auf der Spitze setz ich mich hin, rauche und denke nach. Ok, ich würd schon gern einmal reinschauen. Ich geh nochmal zur Hintertür und sage laut „Bonjour“ in Richtung des Aufenthaltsraums in der Hoffnung jmd ist in der Nähe. Durch die Fenster hatte ich eben gesehen, dass hinten gearbeitet wird. Eine junge Frau kommt aus dem Küchen- und Aufenthaltsraum, vielleicht auch aus dem Schlafraum dahinter. Ich erkläre ihr in meinem übrigens furchtbar eingerosteten Französisch meine Story und darf ausnahmsweise kurz einen Blick in die Arbeitsräumen werfen. Sie kommt aus Leipzig und absolviert ihr freiwilliges ökologisches Jahr hier. Tolle Sache. Ölverschmierte Vögel wie Baßtölpel oder Papageintaucher zu reinigen war die Hauptaufgabe dieser Station und ihre Spezialität. Heutzutage haben die Öltanker offenbar endlich ihre Praxis beendet in rauher herbstlicher See ihre Tanks im Ärmelkanal zu spülen. Die Station bekommt kaum noch verölte Vögel und kümmert sich mittlerweile eher um verletzte Greif- und Seevögel.

Ich lasse die Station hinter mir und fahre in die einzige Kneipe und Restaurant auf der Halbinsel und gönne mir einen „Galette Jambon fromage complet“ und einen süssen „Crepes beurre et sucre“ hinterher. Galette nennt man die traditionellen bretonischen Crepes aus Buchweizen, die etwas herzhafter als die bekannteren Weizencrepes schmecken. So gestärkt geht es weiter nach Morlaix, um dort den berühmten Viadukt anzuschauen, der die Eisenbahn quer über die in einem Tal liegende Stadt trägt. Ein toller Eindruck und eine schöne Stadt. Auf geht’s zurück nach Süden. Ich entdecke dank Navi eine unfassbar traumhafte Motorradstrecke von Morlaix nach Quimper, die sich in schönsten Kurven über teils einspurige Strassen, durch Wälder und Wiesen, durch Täler und über eine Art Hochplateau schlängelt. Ich bin völlig begeistert. Als Flachlandmotorradfahrer ist mein Kurvenkönnen seit der letzten Pyrenäentour vor 4 oder 5 Jahren sehr eingeschränkt aber mit jeder Kurve geht es geschmeidiger und tiefer. Herrlich. Und dazu dieser Ausblick zwischendurch… Toll.

Mittwoch, 01. August 2018
Netterweise kommt am nächsten Morgen die Sonne dann auch auf dem Campingplatz wieder so richtig raus. Also so richtig! Der Vorteil ist, dass Zelt und Schlafsack richtig trocken sind bevor ich sie einpacke und in den Taschen verstaue. Es geht zeitig los und so komme ich gegen mittag in Guerande, meinem nächsten Ziel an. Der Wirt des gemieteten Zimmers erwartet mich schon. Auf meine Bitte hin hat er freundlicherweise einen Paludier, einen Salzbauern, für mich kontaktiert. Es ist der Nachbar. Er ist etwas schwer zu verstehen aber wir verabreden uns für den frühen Abend auf einem seiner Felder. Ich nutze die Zeit bis dahin für einen kurzen Besuch in der mittel- alterlichen Innenstadt von Guerande, das wohl zu diesen Zeiten durch die Salzgewinnung aus dem Meer nicht unwichtig gewesen sein muss. Der tägliche Kuchentestkandidat findet sich ebenfalls ohne Probleme.

Zurück auf den Feldern warte ich eine ganze Weile bis Fredo mit seinem weissen Transporter und seinen beiden Hunden ankommt. Ein Junge wartet mit mir auf ihn. Er hat heute seinen ersten Tag und will als Ferienjob bei Fredo arbeiten. Das System aus flachen Becken, die durch kleine Durchläufe verbunden sind, sorgt für eine immer weitere Konzentration des Salzes im zugeführten Meerwasser. Dieses System aus Sanddämmen muss jedes Jahr neu angelegt werden, den Grossteil der Arbeit übernehmen danach die Sonne und der Wind, die das Wasser verdampfen lassen. Jetzt muss das Salz nur noch mit viel Gefühl und Routine entnommen werden. Das wertvolle Fleur de Sel, dass durch den Wind als hauchdünne Schuppen an der Wasseroberfläche entsteht, wird vorsichtig abgeschöpft. Das gröbere und dunklere Sel gros wird mit einem speziellen Holzwerkzeug in Form eines T mit einem ca 3m langen Stil zunächst zusammen geschoben und dann an einer speziellen Stelle aus dem Wasser gehoben. Und so geht das schon eine ganze Weile. Auf die immergleiche Art – im Falle von Fredos Familie amtlich beurkundet seit kurz vor der französischen Revolution und sogar auf einem anderen Stück Land seit vierzehnhundertirgendwas! Unglaublich finde ich. Fredo packt mir von seinem wahnsinnig leckeren Salz grosszügig ein und bedankt sich für meinen Besuch. Er mag es, wenn sich Leute für diesen Beruf interessieren. Und, dass dann noch jmd extra aus Berlin anreist, findet er super.
Der Wirt des Zimmers hatte mir die Creperie im Dorf empfohlen und so sitze ich nach dem Ausflug in die Meersalzgewinnung im Garten des Restaurants, geniesse eine Flasche bretonischen Cidre und warte auf meinen Galette mit – natürlich- Noix de St Jacques. Unglaublich lecker! Und mit einem süssen Crepes mit karamellisierten Äpfeln und auf dem Tisch flambiert mit Calvados lässt sich der Abend und damit auch der Aufenthalt in meiner Bretagne perfekt abschliessen.

Donnerstag, 02. August 2018
Ab jetzt ist wieder Autobahn angesagt. Ich verlasse Saillé um 9 Uhr früh bereits in sengender Sonne um gegen 14 Uhr bei Sébastien in Chartre anzukommen. Bei über 30 Grad erwartet er mich auf der Terrasse vor seiner Werkstatt und versorgt mich mit Getränken aus dem Kühlschrank. Das tut gut. Hier entstehen also die bekannten Eigenbauten von Lucky Cat Garage. Den meisten ein Begriff seit vor einigen Jahren der Sprintbeemer in seiner eigenwilligen stromlinienförmigen Verkleidung das Wheels and Waves aufmischte. Ein brutales Geschoss in liebevoll gestalteter Hülle auf Basis einer BMW.
Wir unterhalten uns stundenlang über die Rennserie Sultans of Sprint, die Sébastien entwickelt hat und veranstaltet. Ein grosses Spektakel mit verschiedensten Motorrädern, die von Privatleuten zu höchstleistungsfähigen Kurzstrecken-Racern umgebaut wurden. Das besondere aber bei den 4 Rennläufen pro Jahr an verschiedenen europäischen Rennstrecken ist der Spassfaktor dabei. Mindestens so wichtig wie das Rennen an sich ist dem Erfinder der soziale Teil und das kommt bei den Leuten an. Es hat sich eine bunte Gemeinschaft von Teams und Zuschauern gebildet, die sich über ganz Europa verteilt. Viel sprechen wir auch über die gesellschaftliche und politische Situation und die Bereitschaft der Menschen sich für Dinge zu interessieren und zu hinterfragen. Es geht um Nachhaltigkeit und bewussten Konsum. Aber es geht auch um die Tendenz das weltweit „Rattenfänger von Hameln“ zunehmend Menschen hinter sich versammeln und warum diese Menschen sich davon einwickeln lassen. Ein sehr interessanter Nachmittag, der wie im Flug vergeht. Irgendwann muss ich leider unterbrechen, um ins Hotel einzuchecken und die kalte Dusche in Beschlag zu nehmen. Das tut gut. Danach wasche ich noch, wie es zur Gewohnheit geworden ist, ein bisschen Wäsche im Waschbecken und hänge sie im Zimmer zum trocknen auf. Zu Fuss geht’s zurück zur Lucky Cat Garage und dann mit Sébastien in seinem 1951 Ford „Shoebox“ in die Stadt. Bei einigen kalten Getränken unterhalten wir uns noch lange weiter in der lauen Sommernacht, bevor er mich dann mit dem Shoebox zum Hotel fährt. Auf dem Weg lerne ich noch dank einer aufwendigen Lichtinstallation auf historische Gebäude der Stadt, dass die Kathedrale von Chartres- ein sehr detailreicher, imposanter Bau- bei seiner Fertigstellung komplett koloriert gewesen ist. Was eine krasser Eindruck!

Freitag, 03. August 2018
Nach einer warmen Nacht im Hotel geht es weiter auf die nächste Etappe nach Strasbourg. Ein weiterer Tag auf der Autobahn bei über 30 Grad, der in einem Spaziergang durch diese sehr schöne Stadt endet. Es war allerdings nicht die schlaueste Idee bei diesen Temperaturen ein überbackenes Gericht aus dem Ofen zu bestellen, nur um etwas lokales zu essen. Es hat ewig gedauert bis es eine halbwegs verzehrbare Temperatur erreicht hat.

Samstag, 04. August 2018
Ab Strasbourg entscheide ich mich auf die Autobahn zu verzichten und verlasse im Schwarzwald gerne meine Route um nochmal ein paar richtige Kurven und Höhenunterschiede mitzunehmen. Das macht selbst mit dem Gepäckturm hinter mir grossen Spass. Als ich nach einem kurzen Hitzegewitter mit Regen die erste Spitze des Bodensees erreiche, ballert die Sonne schon wieder unnachgiebig. Leider stecke ich mitten in einem fetten Stau und kann mich oft nichtmal vorbeischlängeln. In Frankreich war es übrigens üblich sich mit dem Auto nach rechts zu bewegen, um MotorradfahrerInnen durchzulassen. Zurück in Deutschland ist dem nicht so. Eher im Gegenteil. Willkommen zuhause. Irgendwann kann ich aus dem Stau ausbüxen und fahre einen riesen Bogen, um dann mit ca 2 Stunden Verzögerung bei meinen Freunden Ratz und Linda in der Nähe von Lindau am Bodensee anzukommen. Nach einigen Glas kalten Wassers bin ich wieder geerdet und bevor wir zu ortsüblichen Hopfengetränken wechseln, hinterlässt Ratz, seines Zeichens recht bekannter Tätowierer, noch ein kleines Werk zum Abschluss dieser 4500 km auf der R9T pure auf meiner Haut. War ne schöne Reise.

Sonntag, 05. August 2018
Am Sonntag treffe ich Marcus von Temple Shoppers in ihrer schönen Werkstatt mitten in München, die mich ein wenig an Meister Eders Werkstatt erinnert. Das hauseigene Bier Temple Hell schmeckt vorzüglich und ich gebe Bernhard von Herzbube Motorcycles noch ein paar Erfahrung mit auf den Weg bevor wir ihm eine gute und sichere Reise nach Nordafrika mit vielen tollen Eindrücken wünschen.
Am Abend trägt mich der ICE dann zurück nach Berlin. Das köstliche Essen vermisse ich jetzt schon.