Wir fahren links

Tag 1 / 24.06. Sonntag

Paris – Wacquinghen

„Benutzen sie eine der sieben Spuren“ krächzt es grade aus unserem Navi. Waas??? Genau jetzt, wo wir am Place de la Concorde versuchen einer Massenkarambolage mit den tausenden anderen Fahrzeugen zu entgehen? Genau da überlässt uns das Navi eine wirklich seltene Auswahl an so vielen Fahrspuren? Und Multitasking ist auch grade überhaupt gar nicht möglich, nachdem wir uns am Vorabend auf die Essens-Empfehlungen des Kellners und die Trinkvorlieben unserer Tischnachbarinnen verlassen haben: Schweineohrsülze mit frittierten Pansen und dazu so viel Vin et Eau wie nur reinpasst! Das Schmunzeln der einheimischen Gäste war groß, aber dafür hatten wir einen lustigen Abend und jetzt neue Freunde.

Eh bien, oui, aber auf Unfälle lassen wir uns nicht ein. Heute nicht, denn wir haben jetzt ein wichtiges Treffen mit Helen von The Curves um von ihr die heißbegehrte R nineT zu übernehmen.

Nach unserer Sightseeing-Fahrt durch Parisnehmen wir Helen am Place du Trocadéro in Empfang. Kurzerhand wird das Pure & Crafted Bike noch von einem Hochzeitspaar als glücksbringendes Fotomotiv benutzt bevor wir Drei zum nächsten Café durchbrennen und nochmal die Sicht auf den Eiffelturm genießen. Uns gefällt die entspannte Lebensweise und Unbeschwertheit der Leute, aber die Ferne ruft. Wir müssen weiter.

Wir versprechen Helen noch ihr in England ein Schaf zu fangen, bevor wir uns verabschieden und via Autobahn Richtung Calais/Dünkirchenfahren.

Wir, außerdem, sind Ben und Mile. Zwei Jugendfreunde, die es inzwischen beide nach Hamburg verschlagen hat. Wir waren zwei Wochen mit der R nineT, einem VW T4 und einer kleinen 250er für Renneinsätze im Gepäck unterwegs. Zwei Wochen voller Begegnungen, voller großer und kleiner Abenteuer, voller Freude, Rückschläge und Unerwartetem. Hier einige Auszüge aus dem Reisetagebuch.

 

Tag 2 / 25.06. Montag

Wacquinghen – Fähre Dünkirchen/Dover – Emsworth

Auf der Fährüberfahrt von Dünkirchen, Frankreich nach Dover, England werden wir von glühender Sonne und glattem Meer begleitet, bevor der englische Zoll unseren VW T4 mit musternden Blicken in eine Untersuchungshalle winkt. Ja, alle Papiere sind zufällig bei Ben auf der R nineT und der ist jetzt schon irgendwo in Dover aber dafür sein Handy bei Mile im Bus. Eine mittellange Erklärung, dass kein Fahrzeug geklaut ist und wir wirklich nicht vorhaben an illegalen Motorradrennen teilzunehmen, überzeugt den Beamten dann doch noch.

Ab jetzt fahren wir Links! Wir sind in England und vor uns liegen rund 500 km entlang der Südküste Englands in Richtung Westen. Die Straßen ähneln teilweise eher Feldwegen, dicht von Büschen und Bäumen bewachsen und traumhaft grün. Die Aussicht ständig im Wechsel von grüner Natur zu blauem Meer und die Straßen voller Kurven. Eine perfekte Umgebung für einen Road Trip.

Wir machen einen kurzen Stopp in Brighton und wägen ab, ob es sich lohnt in das algenüberflutete Meer zu springen oder ob wir doch einfach noch ein bisschen in der Hitze weiterfahren. Bei permanenten 30° und wolkenlosem Himmel stellen wir auch fest, dass hier wirklich keiner Sonnencreme benutzt. Ist wohl so eine Art Gesetz, an das wir uns natürlich auch sehr gewissenhaft halten werden.

Noch machen wir einen weiteren Zwischenstopp in Worthing, lehnen dankend die Einladung der lokalen Mädchengang auf eine Runde Dosenbier ab und machen uns auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Diesen sollten wir bei Mondschein dann zufällig finden, als wir uns verfahren und auf einer Pferdefarm landen. Und tatsächlich laden uns die anfangs etwas beunruhigten Besitzer mitten in der Nacht ein auf ihrem Grundstück zu übernachten. Mehr Gastfreundschaft hätten wir wirklich nicht erwarten können!

 

Tag 3 / 26.06. Dienstag

Emsworth – Millbrook

Das Ziel des Tages war Millbrook in Cornwall. Auf dem Weg halten wir in Torquay an, laut eigenem Werbeslogan „The English Riviera“. Also ab an den Strand! Nun ja, was wir sehen ist wenig Strand und viele Handtücher. Also tatsächlich Riviera, im Guten wie im Schlechten und nichts was uns zu einer Pause überzeugt.

Um die Strecke nach Millbook abzukürzen, beschließen wir eine Mini-Fähre von Plymouth nach Torpoint zu nehmen. Die Überfahrt kostet 50 Pence in bar. Und nur in bar. In unseren Taschen jedoch befindet sich kein einziger Pfund, geschweige denn 50 Pence. Bisher waren wir in England tatsächlich ganz ohne Bargeld ausgekommen. Das heißt wir sind blinde Passagiere und im Visier der Schiffscrew. No cash, but love! Nach harter Verhandlung können wir die Schaffnerin von herzlichen Umarmungen als Zahlungsmittel überzeugen. Wir müssen aber auch versprechen, das ja für uns zu behalten, nicht dass sie ihren Ruf als strengste Schaffnerin der Küste verliert. Versprochen ist Versprochen.

Mittlerweile haben wir unser erstes Etappenziel erreicht: Millbrook, Cornwall. Und es ist so wie wir es uns vorgestellt haben. Kleine verschlafene Fischerdörfer, idyllische Küstenstraßen, atemberaubende Aussichten und alles sehr entspannt.

 

Tag 4 / 27.06. Mittwoch

Millbrook – Kingsand – Cawsand – Polhawn – Looe – Millbrook

Am nächsten Tag treffen wir auf Julie, eine Freundin aus Berlin und ihren Onkel Mike mit seiner Frau Jean. Mike kommt aus Millbrook und ist Bootsbauer von Beruf, Motorradfahrer und Surfer aus Leidenschaft. Wir treffen uns zum Frühstück im Restaurant unseres Campingplatzes „The Canteen“, laut Mike das beste Frühstück in ganz Cornwall. Und soweit wir das beurteilen können, muss er Recht haben.

Mit vollen Bäuchen cruisen wir danach gemeinsam entlang der Küste durch die Fischerörtchen Kingsand & Cawsand und weiter am Meer bis zum Polhawn Beach. Das Wasser ist türkisblau, spiegelglatt und arschkalt. Egal, da müssen wir jetzt rein! Wir genießen den Nachmittag am Strand mit reichlich Sonne, knalligen Sonnenbränden und bestem Picknick, das uns Jean vorbereitet hat. Danke Jean, das war super!

Gegen Abend fahren wir weiter über schmale, kurvige Straßen an der steilen Küste bis Looe, ein idyllischer Fischerort mit großem Hafen. Hier gibt’s frischen Fisch und die beste Limo von der Brauerei nebenan, bevor wir im Konvoi wieder zurückfahren und uns glücklich in die Betten schmeißen.

 

Tag 5 / 28.06. Donnerstag

Millbrook – Dartmoor Nationalpark

Tags darauf steht die Weiterfahrt in den Dartmoor Nationalpark an. Das wirkt schon fast alles ein bisschen Bilderbuchartig und wir sind begeistert von der Natur und dem landschaftlichen Kontrast zur Küstenregion. Hier gibt wirklich alles: Hügellandschaften mit Granitmassiven und dazu überall Wildpferde und Schafe. Und es gibt auch einen Cornwall Klassiker: Cream Tea! Eine Tasse Tee und dazu Scones mit extra viel Cream und Marmelade.

Nachdem wir uns von Julie, Jean und Mike verabschieded haben, überkommt uns dann das Jagdfieber, schließlich wollten wir Helen ein Schaf mitbringen. Unsere verschiedenen Manöver und Anschleichversuche sind zwar lustig anzuschauen, aber erfolglos. Beim Versuch zu zweit und mit Lasso auf dem Motorrad haben wir ebenfalls kein Glück. Sorry Helen – wir haben es wirklich versucht.

Das geplante Nachtquartier ist eine alte Schafsammelstelle, doch der Weg dorthin ist schwieriger als gedacht. Denn wenn es ums Schlafen geht, zieht es hier die Schafe allesamt auf den aufgeheizten Asphalt. Das heißt für uns: Schneckentempo und Schafslalom.

 

Tag 6 / 29.06. Freitag

Dartmoor Nationalpark – The Malle Mile, Kevington Hall

Es scheint, als ob die Sonne hier gar nicht untergeht und das heißt für uns ein weiterer früher Morgen. Starker Kaffee und dann wieder ab auf die Straße. Unser Ziel ist das „The Malle Mile“ Festival südlich von London. Schon im Vorfeld haben wir mit ein paar Freunden das „Movember Racing Team“ aufgestellt. Die Movember Foundation ist eine Stiftung, die sich dem Kampf gegen Prostatakrebs, Hodenkrebs und psychischen Erkrankungen bei Männern verschrieben hat. Das Pure und Crafted Festival ist von Anfang an ein großer Unterstützer im Kampf für die Männergesundheit und in dieser Tradition führen wie diese Partnerschaft weiter fort.

Erstes Treffen des „Movember Racing Teams“ am Craftrad Stand. Mit dabei sind Lina, Niels, Tanja, Christoph und wir. Abends findet dann unser erstes Moto-Polo Spiel gegen das Team „Malle London“ statt: Fußball mit Motorrädern, 4 gegen 4, 2 mal 20 Minuten. Absolutes Neuland für uns alle, ein großer Spaß und nicht zuletzt eine derbe Materialschlacht. Ein Bremshebel, ein Kotflügel, ein paar Kratzer und die Kupplung unserer CB 250 hat es gekostet. Egal, der Spaß war es wert. Nach Punkten haben wir zwar nicht gewonnen, sind aber Turniersieger der Herzen geworden. Wir feiern ausgiebig die eigene Mannschaft auf dem The Picturebooks Konzert.

 

Tag 7 / 30.07. Samstag

The Malle Mile, Kevington Hall

Nach Frühstück in unserer Wagenburg folgen erste Reparaturversuche an der 250er. Ohne Teile ist da nichts zu machen, die Kupplung ist hinüber. Moto-Polo war zu viel für die alte Dame, also auch keine Rennen mit ihr. Zum Glück ist Royal Enfield da und stellt ein Ersatzbike bereit. Danke dafür. Allerdings hat irgendjemand kurz vorm Rennen den Schlüssel der Bullit verlegt. Dieser Irgendjemand konnte dann auch keine Rennen mehr mit der Maschine fahren. Well, sorry dafür. Ersatz muss schon wieder her! Am Ende muss Linas kleine CY50 herhalten. Ein etwas ungleiches Rennen gegen einen verkleideten Evel Knievel auf seiner Vollcrossmaschine. Dafür mal wieder Sieger der Herzen! Der Tag riecht nach Rennen und der Staub kriecht in jede Ecke. Am Abend gibt’s das „Movember Charity Dinner“ im Herrenhaus mit Auktion zu Gunsten der Movember Foundation.

 

Tag 8 / 01.07. Sonntag

The Malle Mile, Kevington Hall

Es ist der letzte Renntag und aus dem „Movember Racing Team“ fahren Tanja und Niels diesmal tatsächlich aufs Podium, Niels sogar mehrfach. Abends gibt es noch ein spontanes BBQ am Pool mit dem Malle Team & Friends. Eine weitere lange Nacht steht uns bevor, diesmal an der Rittertafel im Gewölbekeller des Herrenhauses. Der Duke von Kevington erzählt viele unglaubliche Geschichten, die aber den Gewölbekeller nicht verlassen werden: What happens at the Gewölbekeller, stays in the Gewölbekeller.

 

Tag 9 / 02.07. Montag

The Malle Mile, Kevington Hall – London

Guter Start in den Tag mit einem Sprung in den Pool! Tanja und Christoph verabschieden sich in Richtung Deutschland und mit der restlichen Bande geht’s nach London. Pub Lunch und Talk im „The Exmouth Arms“ mit Ben Bowers und Michael Fischer von der Movember Foundation und anschließendem Besuch des Büros. Echt klasse, was die Jungs da auf die Beine stellen. Wir genießen den restlichen Tag mit Rumschlendern und einem kurzen Besuch bei The Bike Shed London.

 

Tag 10 / 03.07. Dienstag

London – Bletchley – West Drayton – London

Wir fahren zu Marshall Amps nach Bletchley. Dort lernen wir Steve kennen, der uns durch das Marshall Museum und die Produktion führt und uns jedes Detail dazu erklären kann. Er ist seit 34 Jahren bei Marshall, absoluter Musikfan, kennt alle Geschichten und deren Details und ist selbst eine absolute Legende. Er zeigt uns Verstärker von Lenny Kravitz, John Lennon und Motörhead. Und wir sind einfach nur begeistert, haben Steve mit Gänsehaut zugehört, was er über die Stars dieser Welt erzählt hat und kommen nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wir sind Kids in a candy store.

Nächster Stop ist das Hedon House. Hedon fertigt super hochwertige und stylische Helme und wir dürfen ihnen in ihrem Workshop in West Drayton über die Schultern schauen. Hier werden die Lederarbeiten und das Finishing, sowie die Qualitätskontrolle durchgeführt. Auch die Designabteilung sitzt hier und wir erhaschen einen Blick auf die neue Kollektion. Stay tuned – wir sind große Fans!

Jetzt aber schnell los und Niels zum Flughafen bringen. Wir liegen gut in der Zeit, doch dann geht plötzlich gar nix mehr – der Gaszug von unserem Bus ist gerissen… Damn it! Niels lässt sein Gepäck einfach im Bus und quartiert sich schnell aufs Moped um, die einzige Chance jetzt noch rechtzeitig den Flughafen zu erreichen. Aber der Stau ist plötzlich wieder da, also Slalom fahren und dennoch einen kurzen Augenblick zu spät am Flughafen Stansted angekommen. Niels fliegt erst am nächsten Morgen nach Hamburg. In der Zwischenzeit schlägt sich Mile mit englischen Abschleppdiensten herum. Viele Anrufe, viele Warteschleifen, viele Versprechen und volle 9 Stunden später wird unser Bus von der Autobahn geschleppt. Es ist Fußball-WM und England spielt heute, da liegen die Prioritäten etwas anders. Doch um 4 Uhr nachts kommen wir alle endlich in unserem Hotel an und hauen uns kurz aufs Ohr.

 

Tag 11 / 04.07. Mittwoch

London – Saint Quentin

Wieder früh raus, denn die Fähre in Dover ist auf 12 Uhr gebucht und der Gaszug ist noch immer gerissen. Wir klappern verschiedene Werkstätten ab, leider ohne Erfolg und Chance auf ein Ersatzteil. Also ab zum Baumarkt, Kabelklemmen und Stahlseil besorgen. Doch das Ganze ist eine ganz schöne Fummelei und die Zeit läuft uns davon. Irgendwann haut es hin und man kann wieder aufs Gas drücken, aber wir müssen umbuchen auf die nächste Fähre. Nach kurzer Eingewöhnungsphase ist das Fahren auf der rechten Seite auch schnell wieder ganz normal und wir erreichen das idyllische Saint Quentin. Das letzte freie Hotelzimmer ist leider nicht ganz so idyllisch, aber wir sind hundemüde und es ist nur für eine Nacht.

 

Tag 12 / 05.07. Donnerstag

Saint Quentin – Stuttgart

Fahren, fahren, fahren. Wir hängen unserem Zeitplan arg hinterher und müssen heute ordentlich Meter machen. Next Stop: Stuttgart. Nach zwei Wochen Sonnenschein erleben wir heute das erste Unwetter. Schnell eine Regenhose beim Jägerbedarf besorgen und weiter geht’s durch endlosen Regen. Sonne ist schon geiler irgendwie. Nach weiteren 180 Kilometern Ankunft in Stuttgart und großes Pizzaessen mit Family & Friends. Satt und erschöpft. Gute Nacht!

 

Tag 13 / 06.07. Freitag

Stuttgart – Garmisch

So, heute ist die finale Etappe der Weg von Stuttgart nach Garmisch-Partenkirchen zu den BMW Motorraddays. Eigentlich in drei Stunden zu schaffen, heute mit Regen und Stau werden es fünf. Just in time kommen wir auf dem Eventgelände in Garmisch-Partenkirchen an und übergeben das Bike auf der Hauptbühne an das nächste Pure & Crafted Team, Jan Joswig und Tim Adler. Wir haben einen super Abend mit alten und neuen Freunden in Garmisch und fallen irgendwann erschöpft, aber sehr glücklich ins Bett!

Adieu und farewell! Espérons vous voir bientôt.