Warum man Pläne realisieren sollte

Ziele zu haben ist immer von Vorteil, der Weg dahin ist das Leben. Unser Ziel lautet Marrakech. 

Es ist ein herrlicher Sonntagmorgen. Die einzige Zeit, in der die Oranienstraße zur Ruhe kommt. Sehe ich sie wieder? Man weiß nie, was einen widerfährt! Jeder Tag kann der letzte sein. Deswegen in Exzesse versteigen? Nein, schlichtweg, dass man bewusst die Dinge aufnimmt, die sich einen bieten. Und uns, ich komme noch drauf, bietet sich die Gelegenheit in vier Wochen mit dem Motorrad 10.000 km zurückzulegen und das Schicksal scheint damit einverstanden. 

Drei Parteien, die eine fixe Idee Realität werden lassen. Einzige Bedingung, eine Einheit bilden. Severine wartet in Brüssel und die BMW R nine T in München. Zögernd ziehe ich die Tür ins Schloss. Rechnungen und Mahnbescheide werden eingehen, vielleicht ein Wasserbruch in der Wohnung darüber? Junkies, die im Hauseingang ihrer Tätigkeit nachgehen und  Demo-Jünger, die ihre Message den Wänden aufzwingen, alles ist möglich und nichts kann geschehen, der Alltag in Kreuzberg. Ich bin müde davon. Ein Kick, die R50 läuft. Ein Typ lehnt an einer Schaufensterscheibe, das Schauspiel bewegt ihn, er tritt auf mich zu und sagt: so ein Motorrad sei das, was er haben wolle! Folgende Gedanken zwingen sich mir auf. Ein Typ mittleren Alters, der vor der Eintönigkeit seines Lebens in die Großstadt flieht. Nach einer langen Partynacht findet er sich alleine auf der Oranienstraße wieder. Die Vampire der Nacht sind mit dem Morgengrauen verschwunden und die Strahlkraft der Sonne gebietet zur Demut. Er erblickt ein Motorrad, dessen Ästhetik er mit einer sorgenlosen Vergangenheit verbindet, bepackt mit Zelt, Schlafsack, ein paar Nahrungsmitteln und viele Möglichkeiten. Die Offenbarung! Es ist eine Sache, sich mit Gewalt in die Bewusstlosigkeit zu trinken und eine ganz andere, bei vollen Bewusstsein selbst die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er fragt: “Was kostet so eine?“. Die Welt liegt ihm zu Füßen, eine Mischung aus südeuropäischen Dandy mit chauvinistischer Einstellung und 50er Jahre Literat aus New York. „10.000 €“, sage ich. Er lächelt und fällt zurück in sein Delirium. Für einen kurzen Moment waren wir eins, teilten das Universum. Inspiration braucht keine langen Begegnungen, prägen tut die Intensität. Ich lege den ersten Gang ein, lächeln, Gas geben, Kupplung kommen lassen. Die Reise beginnt.

Hat man alles, was man benötigt? Um das zu beantworten, müsste man wissen, was einem bevorsteht. Man spielt im Geiste diverse Möglichkeiten durch und stellt resigniert fest, dass man außer für die Rahmenbedingungen nur auf sein Schicksal vertrauen kann. Ein Mehr an Gepäck geht eh nicht, zwei Personen plus minimaler Bekleidung. Reisepass? Ja, der ist wichtig! Campinggaskocher und Geschirr auch. Werkzeug? Nein, dafür ein Mobiltelefon. 

Nachdem die Autobahn erreicht ist und sich die Betonwüste im Rückspiegel verliert, ist es vorbei. Die Anspannung gibt sich geschlagen, egal was nun noch fehlt, Wenden ist keine Option. Metropolen binden, erst wenn sie außer Sichtweise sind, reißt das unsichtbare Gummiband. Die Tachonadel pendelt um die 120km/h. Die 26PS scheinen nach den 6 Jahrzehnten immer noch voll da zu sein. Erstaunlich, was man der alten Dame zumuten kann. Ich bleibe auf der Autobahn und reiße die 500 km am Stück ab. Am späten Nachmittag tauchen die Türme vom Würzburger Dom auf. Mein Körper ist taub, das Dröhnen des Motors ist nicht mehr aus den Kopf zu bekommen, nach ein paar Stunden Schlaf ist auch dieses verschwunden und man wünscht sich wieder das meditative Brummen des Motors in Kombination mit dem betörenden Lärm des Windes. Was jedoch folgt ist eine freie Woche mit Freunden in den Straßen, die man einst als ereignishungriger Teenie durchstreifte. Man sieht, was man einst sah, aber fühlt es nicht mehr. Sonntags drauf geht es weiter nach München. 130km/h, 3 Stunden, ich passiere das Olympiastadium. Ziel Temple Choppers. Mit einer Freundin sammle ich die R nine T ein und nehme Abschied von meinen bisherigen Reisegefährten. Und wieder die unausgesprochene Frage, wie lang? Ich plane noch am selben Tag Richtung Brüssel aufzubrechen, sehe mir aber zuvor noch Katis Moto Morino an. Fehler, sie warnt mich, keine gute Idee bei 30 Grad und Aufbruchstimmung die Vergaser abzustimmen, wer kann schon aus seiner Haut raus? Ich zerlege die Vergaser und setze die Schieber der Dellortos um 180 Grad verdreht ein. Die 3 1/2er Morini läuft nur bei Vollgas. Es folgen Stunden von Einstellungsfahrten, alle ohne befriedigendes Ergebnis. Ich beschließe einen Tag länger zu bleiben und finde den Fehler, meinen Fehler.

Am Montag gegen 19.00 Uhr breche ich nach Brüssel auf, 800 km Autobahn in die Nacht hinein, nicht ganz frei von Angst. Was kann man alles seiner Aufmerksamkeit zumuten? Mein Energiepensum ist bereits verbraucht. Geschätzte Ankunftszeit in Brüssel ca. 3 Uhr, ich schalte physisch auf Autopilot. Es gelingt. Wie im Delirium trete ich in das Paralleluniversum aus Großstadtlichtern und EU-Schaltzentrale ein. Das Navi lotst mich zielsicher zur Midi Station. In Severines Gesicht steht Freude und Sorge gleichermaßen. Wir essen eine Suppe, der Löffel ist ungewohnt schwer, die Augen brennen, Zeit sich schlafen zu legen. Ein Tag lang reduzieren wir konsequent unser auf dem Boden ausgebreitetes Gepäck. Ein zweites Buch, eine dritte Taschenlampe? Und so weiter bis wir alles sinngemäß und griffbereit in den Taschen verstaut haben. Nur kalt darf es nicht werden. Am Mittwoch brechen wir nach Paris auf. Eine Freundin von Severine stellt uns ihre Wohnung zur Verfügung. Gegen 21.00 Uhr erreichen wir die Stadt an der Seine. Das Verkehrschaos ist überwältigend. Wer nicht zielstrebig seine Route verfolgt, wird von der Fahrbahn gespült. Adrenalin ist eine tolle Sache. Blitzschnell ist die Müdigkeit verflogen und der Überlebenstrieb da. Wir schießen durch den Dschungel und erreichen unsere Bleibe für die nächsten Tage. Paris ist nicht gerade bekannt dafür, die sicherste Stadt der Welt zu sein, vor allem wenn man außer dem Lenkschloss kriminellen Tendenzen wenig entgegenzusetzen hat. Eine Polizeistation oder vergleichbar vertrauenserweckendes würde den Schlaf vereinfachen. Eine Sackgasse vollgeparkt mit Rollern und Durchschnittsmotorrädern erscheint uns jedoch am sinnvollsten. Wir schieben die R nine T zwischen zwei Großraumrollern und lassen sie so für die nächsten drei Tage verschwinden. Jim Morrison, Henry Miller und Serge Gainsbourg stehen auf der Wunschliste direkt neben Sergio Leones Western-Filmkulissen und Gaudis Sagrada Familia, wobei die zwei letzt genannten sich in Spanien befinden. Morrisons Grab liegt im Cementiere du Pere-Lachaise. Der überwucherte und zerfallene Friedhof selbst ist das beste Beispiel für die Vergänglichkeit allen Seins. Der Einzige, der hier jedoch nicht zur Ruhe kommen dürfte, ist neben Edith Pfaff. James Douglas Morrision. Wir sind ein Teil der Masse, die sich an seinen Grab vorbeischiebt. Es beginnt zu regnen. Wir drehen einen kleinen Film und besuchen die ehemalige Wohnstätte von Henry Miller. Kein Schild, kein Hinweis, die Adresse stimmt, eine kleine eingeengte Villa in der Henry Miller „Wendekreis des Krebses“ schrieb. Serge Gainsbourg ist dafür visueller, ein buntes Haus in einer engen Straße so wie Paris auf unzähligen schwarz/weiß Photographien der spannungsgeladenen 60er Jahre abgelichtet wurde. Das folgende Video dreht sich von alleine. Wir gehen nach Hause und lassen die Eindrücke auf uns wirken. Mit dem Eiffelturm geht unsere Zeit in Paris zu Ende.

Die erste Nacht unter freien Himmel. Bellegrade, der Name amüsiert. Eine alte Burg mit Wassergraben und ein Bistro an dem sich die Jugend findet, Dorfidylle. Distanziert tauchen wir in den im Kosmos des Städtchens ein und erleben eine unbeschwerte, begrenzte Welt. „If you keep poor, the struggle is simple!“ Die Worte von Kenny Howard aka von Dutch fallen mir bei diesem Schauspiel ein. Wie Spione betrachten wir die Einfachheit ihres Seins. Die Nacht ist kalt und Schlafmangel die Folge. Zweifel tauchen auf. Wie viele vergleichbare Nächte stehen uns bevor? Wenn alle so regenererationsarm werden, dann, ja, dann wird es schwierig. Bei Croissants und Café kippt die Stimmung. Hoffentlich ist dies nur der Nacht geschuldet. Gegen Nachmittag stoppen wir an einen Fluss, Bootswracks liegen am Ufer, es riecht frühlingshaft. Der Wetterbericht prognostiziert Regen. Bisher konnten wir diesem erfolgreich entgehen, heute scheint er jedoch unvermeidlich. Am Ufer des Flusses ist davon noch nichts zu spüren. 

Warum nicht heute den Joker einzulösen? Severine hat eienn Gutschein für ein Hotel ihrer Wahl in Frankreich. Regen und Motorradfahren, das passt nicht wirklich. Es gibt Motorradfahrer, die stört das nicht, es gibt aber auch Menschen, die stört es nicht, wenn jemand mit einen Ghettoblaster am See ungefragt als Alleinunterhalter auftritt. Mit beidem kann ich nichts anfangen. Das Hotel ist ein mittelalterlicher Prachtbau. Das Zimmer winzig, dafür ohne Zuschlag für zwei. Tomaten, Käse, Olivenöl und frisches Baguette entwickeln sich zu unserer Standardmahlzeit. Ein Fernseher ist vorhanden, wir bevorzugen jedoch den Beat, den die Regentropfen verursachen, während sie auf das Fensterbrett schlagen. Severine schläft kaum, irgendetwas behagt sie. Ich meide die Diskussion. Eine Eskalation würde dieser Reise nicht guttun. Die Kohl-Taktik, Dinge auszusitzen, er war 16 Jahre an der Macht. Frühstück inklusive, drei Brötchen in Servietten und es geht weiter Richtung Süden. Autobahnen meiden wir, Nationals oder Landstraßen 3. Ordnung sind unser Terrain. Die Uhr immer im Nacken, in 3 Wochen werden wir in Glemseck erwartet, noch ist es möglich. Sorgen bereitet lediglich die völlige Ungewissheit über das, was kommen mag. Ahnungslosigkeit macht die Sache spannend. Alles ist offen und bietet Raum für Angenehmes und weniger Wünschenswertes. Um die Diskussion werde ich nicht kommen, ich bin verunsichert. Letztes Jahr um diese Zeit reisten wir mit einem MZ Gespann nach Frankreich. Ungefähr die gleiche Region, ungefähr die gleiche Jahreszeit, ungefähr das gleiche Gepäck. Der Unterschied, wir waren ein Paar, nun sind wir Freunde. Erinnerungen zwingen sich auf, vermutlich geht ihr das durch den Kopf. Wir finden einen Zeltplatz. Severine bereitet das Essen zu, ich sorge für das Nachtlager. Wie zwei Zahnräder kämmen wir ineinander, Komplikationen bisher? Keine! Essen machen dauert länger, es bleibt Zeit in die Sterne zu blicken. Meistens habe ich keine genaue Ahnung, wo wir sind, aber das interessiert auch nicht, denn es ist immer der gleiche mystische Himmel mit seinen wachsamen Augen. Berlin ist so fern.

Vor 15 Jahren fasste ich den Schluss nach Afrika zu reisen. Zu dem Zeitpunkt bildete ein 70s Starrahmen Chopper, eine Indian, eine alte Harley und eine stark getunte SR500 mein Fuhrpark. Alles tolle Motorräder, doch letzen Endes kein Reisematerial. Ich bin fasziniert von Geschichten, wie Menschen mit ihren Oldtimern Fernreisen unternehmen. Mein jährliches Reiseziel war Holland, 800 km bevorzugt mit den Starrahmenchopper. Wer ankommt, denkt erst einmal nicht sofort an das Weiterfahren und das liegt nicht am schönen Holland. Angeboten war eine 92er BMW R100G/S für 3.000 €. 1. Hand für etwas weniger, wechselte sie in meinem Besitz. Noch am selben Tag fuhr ich 300 km mit ihr und war erstaunt wie angenehm Reisen mit dem Motorrad sein kann. Aus dem Afrika Trip wurde nichts, dafür kam der Umzug nach Kreuzberg und die G/S wurde erneut auf dem Markt geschleudert. Zu Beginn diesen Jahres kam das Angebot mit der R nine T eine Tour machen zu können. „Marrakech!“, sofort kam die Idee wieder auf. Zweiter Versuch und wieder mit einer neueren BMW, das Schicksal meinte es gut mit mir. Hoffentlich gelingt es diesmal. 

Es geht täglich Tarifa näher, der südlichste Punkt Spaniens, von dort aus ist Afrika bei guter Sicht mit dem bloßen Auge zu erkennen. Mit den Pyrenäen verschlechterte sich das Wetter dramatisch. Es ist kalt, grau, regnerisch, keine 100 Meter Sicht, die Situation, an der man sich zuhause mit einer Tasse Tee hinter die Fensterscheibe wünscht. Ein langer Tunnel bietet etwas Erholung, durchatmen durch durchnässte Halstücher, kurzfristig keine Nadelstiche auf der Stirn. Unbeabsichtigt fahren wir schneller als erlaubt. Blitz, jedoch kein Donner, BMW bekommt Post, sorry hierfür. Am Ende des Tunnels 10 Grad wärmer, Sonne, kaum Wolken, nun ist es offiziell, wir sind in Spanien. Die Wolken scheinen französisches Staatseigentum zu sein. 

Spanien bietet diverse Wüsten. Die Erste liegt in einen Nationalpark 150 km entfernt. Wir geben die Koordinaten in das Navi ein und steuern darauf zu. Am Rand kreuzt eine Schafherde unseren Weg, wir sind umzingelt, Postkartenmotiv. Die Straße ist unasphaltiertes Geröll, die Ausdehnung des Areals ca. 60 km. Zweifel, ob man das den Reifen zumuten kann, eine Panne hier wäre der Supergau, wir drehen um und schlagen unser Zelt auf. Den Sonnenuntergang verbringen wir in einer Klosterruine, vor der nur noch eine 10 Meter hohe Wand steht. Planet der Affen, Flachland, sonnenverbrannt, glutroter Feuerball und die Ruine. Mit diesen Bildern versuchen wir erfolglos unser Zelt wiederzufinden. Ein Spanier erkennt unsere Lage und hilft uns, danke, ihn schickt Gott. Mittags stehen wir wieder am Eingang des Nationalpark. Wir zögern erneut. Ein Harley Pärchen wagt den Versuch, wir folgen ihnen und werden mit einer Mondlandschaft belohnt. Einst sah der ganz Planet so aus, vermutlich irgendwann wieder. Die Augen finden Ruhe, nichts, das um Aufmerksamkeit schreit, Meditation ohne Wille. 3 Stunden unwirkliche Wirklichkeit, wir wechseln kaum ein Wort. An einen monumentalen Steingebilde, das wie ein überirdischer Ameisenbau aussieht, rankt sich ein Filmteam. Die Story: ein kleines Mädchen macht seinen Weg in der amerikanischen Wüste. Die Bedingungen hier seien ideal. Weit sind wir heute nicht gekommen, aber gut, das war es wert.

Großstädte sind nicht unser Ding. Wäre nicht alles frei zugänglich auf dem Motorrad, sähe dies vermutlich anders aus. Wir kehren in einer Dorfkaschemme ein. Frauen Fehlanzeige, lautstark unterhalten sich Männer bei einen Bier, der Fernseher läuft, es könnte auch eine Geburtstagsfeier sein. Wir nehmen Platz, man lässt uns warten, wie erholsam, mal keine Fremde sein zu müssen, sondern einfach nur zwei weitere Besucher. Berlin, Verpflichtungen, der Kampf mit Behörden, Versicherungen, dem Paketzusteller, nichts scheint ferner. Andalusien ist wie ein Märchen, glutheiße Tage, laue Nächte, die Berge und das monotone braun. Beim Blick nach oben ist alles grenzenlos, nur die Horizontale ist beschränkt. Die Zeit vergehet wie auf Meskalin. Tarifa, das Ende der einen Richtung, gegenüber liegt Afrika. Zwei Personen, ein Bike, hin und zurück 180 €. Es ist 19.00 Uhr, Algeciras liegt keine 20 km östlich hinter einen Berg, vielleicht findet sich dort ein besseres Angebot. Tarifa verlassen wir mit 33 Grad und ungetrübten Sonnenschein. 10 Minuten später erreichen wir die Spitze des Berges und haben keine 50 Meter Sicht, wir stecken in den Wolken, das Wetter ist Extrem. In Algeciras reißen sich zweifelhafte Gestalten darum, uns helfen zu dürfen, sie abschütteln, chancenlos, wir sind leichte Beute. Bleiben wollen wir nicht. Wir starten die R nine T und verlassen die Stadt, wenige Minuten später wieder Tarifa, als wenn der Sommer nie vergehen würde. Wir lösen ein Ticket für die Fähre und suchen uns einen Schlafplatz, es dämmert bereits. „Bitte füllen sie vor Betreten der Fähre das Einreiseformular aus!“ Kein Problem. Profession? Severine schreibt Cineast, ich bin bei der Frage etwas verlegen also schreibe ich Journalist, Fehler. Wir nehmen auf dem Deck der Fähre Platz. Der Wind ist unglaublich. Severine geht als erstes zur Zollbehörde an Bord. Stempel, alles gut. My turn. Kein Stempel, keine Diskussion, „Journalist?“ Der unfreundliche Beamte zieht die Augenbrauen hoch. „Which kind?“, sein Englisch ist fragwürdig. „Motorcycle Magazine“, „ which name?“ Er versteht nicht oder will nicht verstehen. Die Situation eskaliert. Er schreibt den Namen quer übers Blatt und fragt mich nach dem Hotel. Hotel? Ich habe keins, dann hat er auch keinen Stempel. „Marrakech!“ die Angabe genügt ihm nicht. Ich kenne den Aufbau der marokkanischen Adressen nicht, google, kein Empfang. Ohne Stempel bedeutet, dass ich den Hafenbereich nicht verlassen kann. So kommen wir nicht weiter. Ich nehme meinen Pass und gehe. Severines Entschlossenheit mag es richten, samt Gepäck gehen wir erneut zu dem Beamten. Das gleiche Spiel doch diesmal sprechen beide Parteien die gleiche Sprache. Er schaut sie an, „Cineast, which kind?“ Sie hat bereits ihren Stempel und redet auf ihn ein. Marokkaner können sich der Kommunikation nicht verwehren, es gelingt. Am anderen Ende des Schiffes wartet die nächste Hürde, der Stempel für das Bike, eine BMW, die nicht auf uns registriert ist. Der marokkanische Will Smith sitzt uns gegenüber, aufrecht ohne Schikane blickt er durch die Dokumente und reicht uns die Unterlagen zurück mit allem Benötigten. Kurz vor der Landung strebt alles zu den Fahrzeugen. Wir sind die zweiten in der Parkhirachie. Zuerst kommt ein Kombi mit einen, was ist das auf dem Dach? Ein Doppelbett im zusammengebauten Zustand, eingewickelt in blauer Folie vielleicht. Rangieren ist jedenfalls nicht seine Stärke, vielleicht auch nur Lampenfieber, sein Debüt, 100 Menschen , 200 Augen und alle auf ihn gerichtet. Deutsche Luxuslimousinen stehen hoch im Kurs, hoffentlich rettet uns das weiß-blaue Emblem. Die Meute wird ungeduldig, der Stauverursacher hysterisch und wir sind das Bindeglied. Mir ist klar, dass die Aufregung von Unwissen herrührt. Wer dies ein paar ;al gemacht hat weiß, dass das Chaos mit System ist, passieren tut hier nichts, niemals, Profis, für die Verkehrsregeln nicht bindend sind. An der Grenze werden wir herausgezogen, warum, das mag uns keiner verraten. Severine verliert die Geduld und geht auf Konfrontation. Die Beamten beachten sie nicht, weil sie eine Frau ist? Keine Ahnung es spricht ja keiner mit uns. Ein vielleicht 18-Jähriger freut sich, dass er aktiv werden kann und kümmert sich darum, dass wir einen weiteren benötigten Stempel bekommen und das wars, wir sind offiziell in Tanger. 

Wir haben versäumt unseren Banken mitzuteilen, dass wir Europa verlassen und mit ihm den Euro Währungsraum. Sonntag, Geld abheben gestaltet sich schwierig. Severine gelingt dies an einen Automat. An einen Kiosk bereiten wir unser Dinner zu. Mandeln, Croissants, Bananen und stilles Wasser liefern Energie. Klarer Himmel, an die 40 Grad, ohne Jacke, Schal, Handschuhe, Stiefel und langer Hose fahren wir keinen Meter, auf dem Motorrad ist man immer falsch angezogen, und ein Mindestmaß an Sicherheit wollen wir beibehalten. Rabat ist unser Tagesziel, ca. 250 km südlich. Der erste Rastplatz ist ein Erlebnis, die Loveparade bietet nicht weniger Gedränge. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Ein Orgelkonzert aus Hupen und Tetris für Fortgeschrittene, die Toilettenfrau ist nahe den Tränen, der Tankwart kommt aus dem Takt. Es dauert selbst mit dem Motorrad sich seinen Weg vom Rasthof zu bahnen. In Rabat bekommen wir die Antwort. In drei Tagen findet ein heiliges Fest statt, ähnlich dem christlichen Weihnachten. Jeder, der kann, fährt in die Heimat. Campen in Marokko scheint wenig aussichtsreich zu sein. Wir stoppen an einem Café. Alkohol wird hier nicht ausgeschenkt, das bevorzugte Getränk ist schwarzer Tee. Wifi ist unsere Verbindung zur Außenwelt, unsere Telefone samt Navi funktionieren hier nicht mehr. 20 € für beide Personen pro Nacht in einen Riad, warum nicht, wir fahren hin und tauchen ein im steingewordenen Traum von einer perfekten Architektur. Nach außen keine Fenster, nach innen ein offener Hof, um den sich gallerieartig alle Zimmer anordnen. Der Traum von tausendundeiner Nacht bildet jedoch die Medina, die Altstadt. Das heilige Fest naht, Schafe laufen durch die Gassen, es wirkt, als wenn sich alles auf der Straße abspielt, nur wohin mit der BMW? Wir steuern auf einen Parkplatz, ein älterer Herr scheint dessen Aufsicht zu haben, jedenfalls beobachtet er sorgsam jede Bewegung. Wir sprechen ihn an, 30 Dirham pro Nacht, auf 20 lässt er sich nicht ein, wir sind Touristen. Umgerechnet 3 € und dafür einen guten Schlaf, sehr gerne. Bis 9.30 Uhr habe er ein Auge drauf. Vertrauen und Menschenkenntnis ist die Basis jeden Geschäfts. Der nächste Morgen ist ungewohnt ruhig, der alte sitzt unverändert auf der anderen Straßenseite. Ich schließe das Motorrad auf, er nickt, hält sich seine Hand auf die Brust und verbeugt sich, ich tue es ihm gleich, darauf hin steht er auf und geht davon.

Marrakech erreichen wir in der Nacht und erblicken eine moderne Stadt, wie sie überall in Europa zu finden ist. Was erwartet man? Das Internet ist überall, jeder sieht die gleichen Bilder, jeder vernimmt die gleiche verheißungsvolle Werbung. Es dauert etwas bis wir die Medina erreichen und sind geflasht. Das 18.Jahrhundert oder gleich das Mittelalter? Tiere werden auf offener Straße geschlachtet, Marktschreier bieten ihre Ware feil und dazwischen unzählige Roller, die selten unter 20 km/h durch die Menge rauschen. Arabisch ist die Amtssprache, Französisch verliert immer mehr an Bedeutung, englisch heißt die Zukunft, damit ist Geld zu machen. Offensiv wird den Touristen die Ware angeboten. Lasst die Bilder sprechen. Die Medina von Marrakech zu beschreiben? Schwierig, wir drehen ein Film. Aufputschmittel? Nein, danke! Das Trommelgewirr verlangt nach „downers“. Die Nacht kennt keine Ruhe. Der einzige Tag, an dem der Jam el fna zur Ruhe kommt, ist übermorgen, der Tag nach dem großen Fest, unsere Abreise. Und es stimmt. Der atomare Erstschlag könnte nicht anders ausfallen. Unsere Ohren sind nach drei Tagen diese Stille nicht mehr gewohnt. Der Platz ist leergefegt, außer ein Paar Shorts mit weißen Beinen finden sich nur vereinzelt finstere Gestalten, genau so, wie es uns der junge Dolmetscher gestern mitgeteilt hat. Der Wendepunkt der Reise, ab jetzt geht es nur noch nördlich. Wir holen die R nine T aus dem völlig leergefegten Parkhaus und lassen die Vergangenheit hinter uns. Rabat, der alte und das Riad haben uns wieder. Die Straßen sind übersät von noch kohlenden Schafsköpfen, daneben brennende Tonnen. Es riecht nach verbranntem Leder. Die Reste einer Orgie, so wie sie seit hunderten, vielleicht auch tausenden von Jahren praktiziert wird. Es ist erstaunlich, wie schnell man ein Gefühl von Vertrautheit aufbaut, Heimat würde sich nicht viel anders anfühlen. Katzen überall, vor allem Jungkatzen. Wir kaufen eine Thunfisch Pizza und verteilen den Fisch an die kleinsten. Kein Wunder, dass so viele Touristen Tiere mit aus dem Urlaub bringen.

Die Zeit drängt, 8 Tage, Glemseck 101. Tarifa hat uns wieder. Spanien, Frankreich, Schweiz und die Temperatur fällt dramatisch. Donnerstagabend in Basel, um 21.00 Uhr machen wir uns auf die 300 km nach Kaufbeuren im Allgäu zu starten. Eine Freundin bot uns an, die Nacht bei ihr zu verbringen. Autobahn? Die ersten 100 km schlängeln wir uns durch Serpentinen, ein Thermometer zeigt 9 Grad an, vor fünf Tagen kämpften wir noch mit 39. Ich mache mir Sorgen um die Severine, unsere Kleidung ist bestenfalls unzureichend. Seit Jahrzehnten leide ich an Gelenkschmerzen im Winter, warum? Erfrierungen, verursacht durch schlechte Handschuhe und 10 km zur Ausbildungsstätte. Sollen wir hier im Gebirge unser Zelt aufschlagen? In 5 Stunden könnte eine warme Badewanne den Job erledigen. Irgendwann kommt eine Autobahn, ein Umweg doch besser als das Ziel einzukreisen. Serpentinen sind toll, bei einen sternlosen Himmel in einer unvertrauten Gegend mit klappernden Zähnen, nein danke. Wir erreichen Kaufbeuren um 1.30 Uhr in der Nacht. Der Schlüssel ist nicht am besagten Ort. Klar denken ist nicht mehr möglich, es dauert bis wir merken, dass wir am falschen Haus sind. Wir finden ihn. Weder Freude noch Trauer kennzeichnen unsere Gesichtszüge, wir funktionieren nur noch, Maschinen ohne Gefühlsregung, die Etikette hat sich schon vor Stunden verabschiedet. Am nächsten Morgen bleibt nur die Erinnerung an einen Traum. Ein Albtraum, eine Freude? Weder noch, schlichtweg intensiv. Fetzen von Mc Donalds, Handy aufladen, ein Auto anschieben, verpasste Ausfahrt, Sehschlitz zwischen Schal und Brille, Regen, nasse Fahrbahn, klamme Finger, knappe Kommunikation, Zweifel und die Verwunderung, wie weit man gehen kann, ohne dass der Körper streikt. Es gibt kein einziges sauberes Kleidungsstück mehr. Handwäsche ist ok, von rein keine Spur. Die Waschmaschine macht Überstünden. Der Tag vergeht mit Resozialisierung. Maria, ihr gehört das Haus, trifft aus Hamburg ein. Es regnet ununterbrochen, Glemseck ist ca. 180 km entfernt.

Nach halber Strecke lockert sich die Wolkendecke und Glemseck erstrahlt im Sonnenschein. Warum noch Motorräder gestalten, scheinbar ist alles schon da, kaum möglich, der Zweiradwelt etwas Neues zu schenken, oder ist es immer wieder die gleiche Interpretation einer guten Idee, die einst jemand irgendwo hatte? Wir wissen es nicht. Die Party ist klasse. Alle scheinen gut gelaunt und die Stunden verfliegen. Um Mitternacht tanzen wir auf der Straße, Zeit aufzubrechen. Zu dritt teilen wir uns ein Doppelbett, zelten im Park, kein Bedarf. Tags drauf Regen und die Rückfahrt nach Brüssel. Die Übergabe der R nine T soll in Berlin erfolgen, mein Wohnungsschlüssel ist in München und warum nicht gleich noch einmal in Würzburg halten? 3 Tage bleiben, die R nine T wandelt sich zu einem Teil des Körpers, sie wird mir fehlen. Der Traum ist ausgeträumt, was sich beschreiben lässt, sind die Umstände, die Eindrücke nicht, diese lassen sich nur erleben. Wenn ich könnte jederzeit wieder, danke hierfür Pure&Crafted.