Von Berlin bis zum Gardasee

Berlin / Prag  (356 KM)

Bloß weg hier

Das Wegkommen ist das Schwierigste. Mal ziept es im Bauch, mal kratzt der Hals, jedesmal dasselbe. Vor einer Reise reagerieren die Eingeweide nervös – der innere Blick auf die voraussehbaren Gesamtkilometer und die möglichen Schrecken.
Als ich am Freitag um 6 aufwache, schüttet es in Strömen. Ich habe einen Kater von gestern, weil ich bis spät in die Nacht noch irgendwelche Kundenwünsche bearbeitet hatte, dann endlich fertig war und das kurz feiern musste. Dafür habe ich natürlich nicht gepackt – mache ich morgen – ja, und jetzt schüttet es. Ich knicke sofort zusammen, der Hals kratzt und ich texte Ray, dass ich mich um 12 melde. Ray protestiert nicht und pennt vermutlich gleich wieder ein. Auf diese Art haben wir uns zwar trockene Füße bewahrt, aber auch Prag nicht mehr im Hellen betreten, was auch schade war.

Mit 10 Stunden Verspätung, finally, wir gurken los. Die Stimmung ist ok für einen ersten Tag. Ich habe schon Reisepartner erlebt, die nur noch gaanz kurz das Motorrad umbauen wollten, ein- zwei Stunden, dann können wir los. Das ging natürlich nach hinten los und entlud sich in epischer schlechter Laune.
Wir machen ein paar schnelle Kilometer auf der Autobahn. Sofort gähnende Langeweile. Was will man schon machen? Rote Autos zählen? Nase bohren oder Hände in der Achsel wärmen funktioniert schlecht. Hütchenslalom machen wir nicht mehr, nach dem Vorfall auf der französischen Autobahn. Auf der A13 ist nicht viel los und der Motor der R nine T hypnotisiert mich sofort in den Sekundenschlaf, es ist grausam. Meine Gedanken schweifen zu all den hingegebenen GS-Fahrern, die mit der überlebensgroßen Super-Enduro tausende Kilometer auf der Autobahn pflügen, während die Griffheizung bollert, sicher verborgen hinter der Frontscheibe, die Musikwolke um den Kopf. Zugegeben, ich hätte fast alles auch haben können, auch ohne GS. Aber an diesem Tag hatte die Griffheizung noch nicht gefunden, und meine Kopfhörer vergessen.

Die ersten 250 km sind also harte Arbeit, irgendwie passt noch nichts, alles kneift, die G-Kräfte der Tour gehen immer in die falsche Richtung. Irgendwo bei Dresden trennen wir uns von der Autobahn, der dräuenden Gräulichen und ich bin im Grünen, sofort wach, mit meiner regenbogenfarbigen Freundin Ray, die wilde Granate.

Ray ist CURVES Member und Weltbürgerin, Firefighter, Buschpilotin, Hummerfängerin, Kanadierin und wegen allem dauernd pleite. Aber weil ich mit dieser Gute-Laune-Bombe wegfahren wollte, mache ich einen auf Sugarmama und statte sie von Kopf bis Fuß mit Klamotten und Motorrad aus.
Und auf einmal sind wir nicht nur im Grünen, sondern auch irgendwie in Bergen. Wir überfahren die Ringkette nach Tschechien, da fängt gleich der Urlaub an. Die DNA der R nine T erwacht und ich hänge Ray innerhalb von Sekunden ab. Aber sie ist ein Sportsmädchen und nimmt die Herausforderung an.

Im Dunklen nach Prag

Im Blindflug und in finsterer Nacht fahren wir dem Navi hinterher nach Prag rein. Vor ein paar Jahren musste man noch am mottenflirrenden Licht einer Tanke die Karte auswendig lernen, kryptischen Schildern folgen, im totmüden Zustand ein Hotel suchen. Heute gibt es ein Navi und Booking.com – Ich bin mir nicht so sicher, wie geil ich das wirklich finde, weil ich die Fähigkeit des Orientierens an Orten, in fremden Städten, nach Sonne extrem wichtig finde. Was wird wohl mit uns passieren, wenn wir diese Synapse in unserem Brain kappen?

Aber in unserem Fall hat das Synapsen kappen super geklappt, denn wir betreten ein Hotel in überdimensional kitschiger Opulenz. Weiß, Blau, Gold. Ein gigantisches Treppenhaus. Im Keller die Bier- und Fleischzentrale im Styling ‚schlagende-Studentenverbindung‘. Wir trinken unter Tonnengewölben exakt 10° Grad kaltes Bier aus einem Literhumpen und essen Fleisch an Fleisch mit Knödeln, getränkt in Sauce. Grün hat keine Chance auf diesem Tisch. Veganer haben ein schweres Leben in CZ.

Völlig ferngesteuert schleppen wir unsere Bäuche noch kurz auf die Karlsbrücke und lästern aus Prinzip über die anderen Touristen. Und dann Good Night John-Boy.

Prag / Wien (356 KM)

Warum macht Trash am meisten Spaß?

Der sitzende Porzellan-Gepard, die Zwerge-Sammlung, ein rosa Plüsch-Schlafzimmer. Was man bereit ist, abzufeiern, kann ja sehr subjektiv sein, immer auf der feinen Linie zwischen Savoir-vivre und gekauftem Geschmack.
Ich dachte so darüber nach, als wir unser Frühstück von einem weißen Kutschwagen herunter nahmen und zu unserem Tisch trugen. Die Butterstückchen schwammen in einem gläsernen Schwan. Ray und ich waren allein deswegen schon wieder ganz schön albern. Später haben wir aus dem Fenster geschaut und die Motorräder waren tatsächlich nicht gestohlen worden, obwohl uns die Rezeption abends unheilvoll zugeblinzelt hatte und uns Tickets für den Parkplatz verkaufen wollte.

Kleine Stadtrundfahrt, Foto hier, Foto da, Instagram beherrscht den Vormittag und dann finden wir uns wieder auf einer öden Peripherie zum nächsten Highlight. Schon wieder spielt man Meister im Verdrängen. Diese nichtssagenden Kilometer, die man frisst, um sie gleich wieder zu vergessen.

Das Beinhaus

Das Zwischenziel ist ein Wachmacher: das Sedletz-Ossarium ist ein Beinhaus, gefüllt mit den Knochen von 40.000 Menschen und gutes Beispiel für einen medialen Hype. Abt Heinrich hatte Erde aus dem heiligen Land mitgebracht und machte den Ort zu einem Hotspot für Beerdigungen. Vielleicht fanden die Dorfbewohner die Berge von Knochen, die über die Jahrhunderte zusammenkamen, etwas unpraktisch und beauftragten im 19. Jhrd Schreiner František Rint mit der künstlerischen Gestaltung von knöchernen Wappen, Kronleuchtern und Schädelgirlanden, wobei wir beim Thema ›Total Subjektive Ästhetik im Spiegel der Jahrhunderte‹ wären. Charlie Bormann und Ewan McGregor besuchten auf ihrer Weltreise diesen Ort und machten ihn dann zum Hotspot für die Instagram Generation. Auch das wieder eine feine Linie des Guten Geschmacks.

Totally assoziative thinking process

Ray und ich geben uns noch eine Stunde Kurven, Land und Grün, den Rest der Strecke bis Wien übernimmt der Autopilot. Und schon schweifen meine Gedanken wieder ab. Man könnte jetzt noch ein Wort über das Leben an der Tanke verlieren. Wenn man eigentlich mal so einen Salat auf einem grünen Hügel mit Ausblick essen wollte, aber dann doch wieder nur Käsestullen und Schokolade von der Tanke reinstopft und mit einem RedBull runterspült, weil es wieder fast dunkel ist und man nochmals 150 km bis Wien hat und so.

Wir haben ein Foto von der Tankstellenquittung gemacht. Zu zahlen: 1153,00 – Hammer Zahl! Das erinnerte mich an den Blog ›Rich Kids Of Instagram‹, der Selfies der reichen Kinder vor Papas Ferrari, Louis Vuitton oder halt die Kassenzettel der Dom Perignon Exzesse zeigt und mit beißendem Humor kommentierte. Die armen Kids wurden darauf hin sehr gehatet.

Eat this, Rich Kid: Ich brauche nichts. Ein paar Kurven, ein bisschen Sonne, ein paar kleine Abenteuer, eine ordentliche Adrenalin-Infusion, ein geschlossenes Tankstellennetz. Eigentlich muss ich nur auf ein Motorrad steigen und eine Reise machen und ich fühle mich entfesselt und happy. Gut – die R nine T kostet ein Vermögen, my Lederhose von Dainese, my supergemütlicher Helm, my Kofferset, my Com-Unit.

Ach, über was ich alles auf der Autobahn … Ach, hello Vienna! Hello Motocircle! Wir sind dann auch da.

Wien / Mostheuriger Reisberg / Motocircle (120 KM)

Beim Mostheurigen

Patricia hatte unsere Damenrunde auf ihren Hof eingeladen. Die Gäste hatten Leihbikes vom Motocircle Festival bekommen. Wir waren zu neunt mit Chris und Patrick. Christina hatte irgendwas von Kaffeefahrt gemurmelt und ich hatte deswegen an so eine verkaterte berlinerische Dödeltour zur Kuchen-Oma gedacht. Dann waren die Jungs aber mit großem Theater und driftenden Hinterreifen losgebrettert um uns den Weg zum Heurigen zu weisen – Schnitzeljagd- style, also den eingebrannten Pfeilen auf der Straße hinterher – Lina van de Mars, die neben mir fuhr blickte kurz rüber zu mir und griff ohne weitere Worte ins Gas. Kein Thema, Lina. Irgendwie kollektives Aufrüsten. Mein Tacho zeigte 140 im Wald.

Ich hatte Ray an der Tanke ein bisschen gebrieft, sich nicht provozieren zu lassen, mich aber selber dann total in der Dynamik verloren. Ist ja zum Glück mal wieder alles gut gegangen. Aber man kann sich nicht immer auf Art. 3 des kölschen Grundgesetz verlassen. Zur Selbstreflektion komme ich nochmals, wenn ich die Geschichte vom Stilfzer Joch erzähle.

Mädchenmotorräder

Auf dem Nachhauseweg waren alle ein bisschen abgekühlt und wir haben angefangen, die Motorräder untereinander zu tauschen. Vitpilen, MT09, und die R nine T Pure kreisten in der Gruppe. Dabei habe ich nochmals über ›Motorrad für Mädchen / Mädchenmotorrad‹ nachgedacht. Meist hängt da ein überheblicher Beigeschmack in der Luft. Määädchenmotorrad. Bedeutet, klein, ohne Bums, ohne Spaß, ohne alles, irgendwie gerade noch sichtbar (vielleicht pink). ‚Frauen-Auto‘ oder ‚Mädchenmotorrad‘ ist das totale Todesurteil für ein Modell am Markt. Wollen selbst Frauen nicht kaufen. Das ist beiden Geschlechtern gegenüber ja unfair und mich macht die Vorhersehbarkeit der Käufe irgendwie sauer. Ewiges Über- oder Unterschätzen, Gaskrank vs. Sicherheit, Eingeflüstere von allen Seiten, kein Bock, was auszuprobieren, keine Titten im Hemd um einen eigenen Weg zu gehen.

Ich habe ja auf dem Motorrad Zeit zum Nachdenken. Also hier meine persönlichen vier Hauptkriterien für ein Motorrad: 1. Drehmoment, 2. Agilität, 3. Sound, 4. Leichtgängige Kupplung. Alle Kriterien dieses Systems sind total subjektiv und proportional verschiebbar, PS- oder Kubikzahlen völlig ausgenommen.

Motocircle

Am Nachmittag hatte ich Zeit für Moto Circle {http://www.motocircle.at}. Die Ausstellung kann ich wirklich nur weiterempfehlen, weil sie einige der kreativsten Umbauten zeigte, die ich jemals gesehen hatte. Coole Location, abgefahrene Bikes, absurde Lackierungen, und dazu noch diese lustigen Wiener!

Wien, Tourist Trophy Strecke (40 km)

Das Tolle am Motorrad fahren ist, dass man immer verrückte und coole Menschen trifft. Menschen, die einem Tür und Tor öffnen und ein Bett bereiten oder dir quasi das letzte Hemd leihen, obwohl du sie kaum kennst. Menschen, wie Liz, die einen ganzen Tag mit mir durch den Wiener Einbahnstraßen Wahnsinn fahren und mir die Schönheiten der Stadt gezeigt hat.

Oder Christina, die ich vor drei Jahren kennengelernt hatte, als wir in den Alpen mit drei Amerikanerinnen eine Reise machen wollten. Die Ladies hatten breit gestreut eingeladen, sie an mehreren Punkten zu treffen. Ihnen hing ein gewisser verwegener Ruf an und wir waren gespannt, sie kennenzulernen. Wir lernten dann drei Social Media Junkies kennen, die auf ihren Motorrädern zwar schon vorwärts kamen, aber in den Momenten, wo man Mein-Leben-Dein-Leben in Erzählform hätte austauschen können, waren sie doch sehr mit Snapchat beschäftigt. Wie sehr sie es awesome fanden mit uns, konnte man dann bei Instagram lesen. Klares Minus auf der Sozial-Ebene, wie wir fanden. Klares Plus auf der Sozial-Ebene waren aber Janine, Patricia und Christina, die wir statt dessen kennenlernen durften. Drei Gentle-Ladies aus Vienna, die wie die Granaten Motorrad fahren können. Mittlerweile haben wir uns öfter gegenseitig besucht, Bande geknüpft, Brücken gebaut, Betten geteilt, Kurven gefahren.

Am Abend hatte ich eine merkliche Mittelohr-Schädigung vom schneckenförmig im Kreis fahren. Ich dachte, Köln hätte ein ausgefeiltes Einbahnstraßennetz, doch Wien ist eine Steigerung. Aber nach drei Tagen bin ich eingenordet und finde mich zurecht, bedeutet, Wien wächst mir ans Herz. Und weil ich jetzt grundsätzlich im Urlaub bin, verliebe ich mich auch in alles und jeden und wünsche mir für jeden Tag im Jahr Urlaub.

Wien / Mariazell / Gesäuse / Admont / München auf der Karte (529 km) 

Das Tolle am Motorrad fahren ist, daß man immer verrückte und coole Menschen trifft, die sich den ganzen Tag freinehmen, um mit dir eine Runde zu fahren. Jenna und Wolfgang sind zwei solche. Am Sonntag hatten sie das Motocircle Festival zusammengeräumt und jetzt stehen sie mit krummen Rücken und Augenringen vor mir und wissen nicht, was sie tun sollen, völlig ihrer Aufgabe beraubt. Wir finden, die beste Methode, ein Formtief zu überwinden ist ein paar hundert Kilometer Kurven-Wellness.

Jenna habe ich im Dunklen auf einem südfranzösischen Campingplatz kennengelernt. Wir waren da mit den CURVES hingefahren und ganz am Anfang vom schönsten Urlaub in den Pyrennäen, die man sich vorstellen kann. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir waren sehr spät angekommen und aßen Pizza. Da kam sie so um die Ecke und stellte sich neben unseren Tisch und fragte ‚Seid ihr die CURVES?‘ Den Ladies ist vor Begeisterung die Pizza aus dem Mund gefallen, aber mir war es ein wenig peinlich, daß ich so verpeilt war und nicht mehr an sie gedacht hatte. Sie war eine Art Blind-Date, Christina aus Wien hatte uns verkuppelt. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, daß ich mir zwischendurch den Daumen gebrochen hatte und offensichtlich mein Gehirn auch etwas abbekommen hatte. Zwei Wochen später, beim Touchdown in Biarritz, war aus dem Blind-Date aber tiefe Liebe geworden und wir konnten uns nicht vorstellen, auch nur einen Tag ohne Jenna zu leben.

Wir fahren durch die schönen Voralpen Österreichs. In Mariazell halten wir die R nine T kurz unter den segnenden Wasserstrahl an der Basilika, es kann nicht schaden, auch auf der Metaebene ein bisschen zu reflektieren. Zum Schluss kam der Moment, wir mussten wir uns tränenreich an einem schönen türkisblauen See verabschieden und ich mache mich auf den Weg nach München. Es sind nochmals 360 km in Dunkelheit zwischen Trucks auf der Autobahn. Manchmal fragt man sich, ja ob man noch alle Tassen im Schrank hat. Aber es sind ja die türkisblauen Seen, die im Gedächtnis bleiben.

München, Tourist Trophy Strecke (20 km)

Es ist die dritte Stadt in wenigen Tagen mit Fluss, Ringstraßen und Altstadt und dem Nachklang von untergegangenen Kaiser- und Königreichen. Ich entdecke die Stadt, besuche Freunde in ihren Büros und schaue kurz im Fuhrpark bei BMW vorbei, weil die Simmerringe der Gabel schwitzen. Technisch gesehen ist alles nur halb so wild und ich kann weiterfahren. Alles andere hätte mich schwer getroffen – die Akropovic Anlage und ich, wir sind totally BFFs.

Das Tolle am Motorrad fahren ist, daß kein Tag wie der andere ist. Heute schalte ich von Solo-Trip um auf Gruppendynamik. Meine neuen Mitfahrer vom 101 End of Season Ride treffe ich abends in der Bar Sehnsucht. Da stehen sie rum, die üblichen Verdächtigen.
Ich freue mich sehr auf die nächsten Tage. Als Bewohnerin der Brandenburgischen Steppe im 90° Grid sehne ich mich danach, mal wieder wilde, ungezähmte Kurven in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen. Und weil ich meine entfesselten Mitfahrer kenne, weiß ich, daß ein wunderbares Kurven-Bootcamp auf mich zukommt — #challengeaccepted

München / Luzern Ace Café (414 km)

Ja, genau. Gruppendynamik. Deshalb geht es auch morgens um 8 schon los. Ich bin noch müde, aber ich sehe nicht doppelt. Zähle gefühlt 15 R nine T und zwei Harley. Willkommen in Bayern, hahaha, ich bin mit meiner Pure in guter blau-weißer Gesellschaft.

Jörg Litzenburger vom Glemseck 101 hat mich zum End of Season Ride an den Gardasee eingeladen. Der Chef steht bereit mit seiner schwarzen NineT Racer seinen Roadcaptains Jörg und Holger. Wir fahren zum Ace-Café Luzern um weitere Mitfahrer einzusammeln.

Die Karawane rollt auf die Autobahn und als bei Garmisch die Berge in Sicht kommen, vergiesse ich kurz ein paar Tränen der Rührung wegen der Aussicht. Wir sind Viele und schwimmen alle gleichzeitig, passen zusammen und aufeinander auf, sprechen alle dieselbe Sprache mit Handzeichen. Von keinem Mitfahrer droht Gefahr oder Unsicherheit. Es ist ein Traum. Jens vom Braucks R nine T Microtank teilt unsere Strecke in appetitliche 100km-Abschnitte.

Apropos JvB Micro-Tank.

Es würden ja normalerweise alle auf dem Typ mit der Harley rumhacken, wenn er den 9-Liter Tank hätte. Böööööh, Harley! Aber JvB-sensei bashen, das macht keiner. Alle streicheln neidisch den schönsten Tank, den eine BMW haben kann. JvB — Per aspera ad astra. Spätestens seit der Vmax hat sich die wiederkehrende Farb- und Formsprache in ein Œuvre verwandelt, in Variablen, die er immer wieder neu mischt, abwandelt und zurechtschneidet. Die Entschnosselung der R nine T ist ein Meisterstück, das ihresgleichen sucht.

Mir hat die R nine T im Urzustand bereits sehr gefallen — ihr bulliges, aber elegantes Profil, ein Sitzen auf einer gigantischen Kanonenkugel. Jens hat der Linie einen ganz neuen Schwung verliehen. Er hat eine sportliche Abrissbirne in ein Pocketbike mit atemberaubenden Schattenfugen verwandelt. Freier Blick auf den Motor, hallo, Zylinder! Weg mit dem Ansaug- Rüssel, diesem Riesenschnossel. Und dann diese Sattel-Heck-Kombination, die Will-Es-Sofort- Haben schreit. Hier sieht man die Essenz eines Designprozesses. Es ist ein klarer Unterschied zum Adaptieren eines Looks / dem Anbringen von Bauteilen zu spüren.

Wasser überall

Nach dem schönen Lechbachtal holt mich die Realität wetterförmig aus meinen Gedanken. Wir befinden uns auf der Autobahn kurz vor Luzern und geraten plötzlich in die Apokalypse. Blitze zucken und Regen verwandelt die Fahrbahn in eine Flusslandschaft. Die roten LED-Lichter der Vorfahrer werden zu Halos auf dem beschlagenen Visier. In 20 Minuten sind wir trotz Regenkombi klatschnass, ich verfluche meine Eitelkeit (Schuhwahl) und versuche gleichmäßig durchzuatmen ohne das Visier total zu beschlagen. Entfernung bis Luzern: 26 km. Allein würde ich sofort abbrechen und mir eine Badewanne suchen, zwischendurch sehe ich, wie Amy versucht, die naheliegende Frage in Handzeichen zu kommunizieren, aber die Antwort ist zu lang für Handzeichen und die Gruppendynamik macht weiter. Auch Stellplätze für 20 Personen unter Autobahnbrücken können knapp werden. Mein Verstand weiß, daß das hier alles saugefährlich ist, aber mein Herz ist ruhig. Es ist ein seltsames Zeltgefühl, eine Art Geborgenheit in der Gruppe.

Leider hat der Regen so einige Pläne durchkreuzt. Wir quetschen uns in Taxis um vom Hotel zum Ace-Café zu fahren statt mit unseren schnieken Custom-R nine Ts anzugeben. Das haben sich auch andere gedacht. Kein einziges Motorrad weit und breit. Und auch am nächsten Morgen nicht, kein weiterer Mitfahrer. Also denken wir mal kurz über die Überflüssigkeit von Burgern für 30 Franken nach und machen, daß wir aus dem Land mit dem fürchterlichen Tempolimit kommen.

Luzern / Gardasee (556 km)

Apokalyptische Wetterlagen führen dazu, sich hinterher wie eine Siegerin zu fühlen. Außerdem kann man seinen Kindern noch davon zu erzählen. An wieviele Fahrten bei 27 Grad erinnerst du dich? An Einige! An wieviel Fahrten im Starkregen erinnerst du dich? An alle! Ok, ok, die These hat ihre Schwächen…

Wir fahren ein bisschen ängstlich los, man weiß ja nie so genau, ob es nicht gleich wieder ein Aquarium zu durchqueren gilt, die Schuhe quietschen noch naß. Heute beweist sich die Genialität der BMW Konstruktion. Heizgriffe für die Hände und Boxermotor für die Füße. Warme nasse Schuhe sind besser als kalte nasse Schuhe. Und anhand der Genialität der Gedankengänge merkt der aufmerksame Leser auch sofort, daß wir wieder stundenlang auf der Autobahn sind.

Das Tolle am Motorrad fahren ist, daß man immer verrückte und coole Menschen trifft, die sich den ganzen Tag freinehmen, um mit dir eine Runde zu fahren. Heute treffen wir mitten auf der Autobahn Sabine, die in Zürich losgefahren ist, während wir in Luzern losgefahren sind und sie hat uns trotz des grauenvollen Tempolimits auf der Autobahn gefunden. Unsere Arme gehen hoch, wir machen Fistbump und lachen uns bis Davos im Helm kaputt.

Das für sein Licht gepriesene Tal Engadin weißt uns den Weg ab in die Berge. Endlich, endlich, endlich! Es ist, als wenn der Knoten platzt. Wir fahren durch Adjektive wie Majestätisch, Gewaltig, Prächtig, Massiv und nicht zu vergessen Imposant. Vorbei an Gravitätisch und Staunenswert. Ich gönne mir zwei kurze Stopps an bekannten Stellen um ein Foto zu machen. Die Gruppe wird immer schneller, die Berge immer schöner.

Nach dem Mittagessen verlieren wir Mitfahrer an die Autobahn. Übrig bleiben wir zu siebt monochrom auf RnineT mit der Verheißung von insgesamt sechs weiteren Pässen. Wie die Musketiere ziehen wir säbelrasselnd ins Gefecht an der Steilwand des Stelvio Passes.

Das Stilfser Joch

… heißt nicht von ungefähr Joch. Auf quäldich.de ist er der am häufigsten aufgerufene Pass.

Höchster Rummelplatz Europas, anspruchsvollster Pass bla bla und so weiter.
Ich kapiere das ab Kehre 23 auch so langsam. Die 180-Grad-Kehren liegen mir noch nicht ganz so gut, meine linke Hand tut bereits weh und die Maschine riecht nach Kupplung. Ich ändere die Taktik und schalte anders. Das haut ganz gut hin und ich überhole ein paar Schnarchnasen im Auto, aber irgendwann über der Baumgrenze muss ich wegen Gegenverkehr bremsen, mein Fuß fühlt ins Leere und mein armes Motorrad und ich kugeln in der Gegend herum. Es war ja alles nicht dramatisch, und trotzdem brennt sich der das Bild der auf dem Kopf liegenden Maschine in mein Gedächtnis ein. Ich eiere wie bescheuert weiter auf die Spitze, wo das RnineTeam sich bei meinem Anblick fröhlich die Helme aufsetzt ‚Ah, super, da bisse ja endlich, hast du Fotos gemacht?‘ Ich breche in Tränen aus und bekomme ab da Überwachung von hinten. Es ist erbärmlich.

The mojo is gone

Zwei Stunden dauert es bis all die schrecklichen Gedanken wieder aus meinem Gehirn herausgefahren sind. Ich habe ab Kehre 24 jeden Abgrund gesehen und als gefährlich wahrgenommen. Meine Ellenbogen sind steif, mein Hals bewegt sich nicht. Ich sehe die Ernsthaftigkeit und nicht die Schönheit. Ich bin meine mahnenden Eltern und nicht ich selber.

Irgendwie komme ich über den Gavia Pass ohne ihn richtig würdigen zu können und es fuhr sich langsam wieder besser, als vor dem Passo del Tonale dann endlich einen Kaffee gibt. Ich weiß haben sich die Nackenhaare langsam wieder beruhigt. Es ist 18:00 Uhr und wir haben noch zwei Pässe vor uns. Zeitdruck plus dräuende Dunkelheit minus das nötige Selbstvertrauen ist eine fatale Mischung.

The mojo is back

Langsam kommen mein Motorrad und ich wieder zusammen. Als die Dunkelheit auf uns fällt und wir den Gardasee von weitem sehen ist alles wieder gut und ich habe das stolze Gefühl eines Kindes, das mit dem Seepferdchen-Aufnäher nach Hause kommt. Meine 6-Pässe-Crew und ich wir fahren gegen 21:30 auf den Hotelparkplatz ein, uns wird noch beim Absitzen ein Bier in die Hand gedrückt und wir haben tausend Geschichten zu erzählen.

Gardasee und zurück nach Hause (500 km)

Christina ist 800 km von Wien zum Gardasee gefahren. Für einen Tag. Die Frau ist irre und ich liebe sie dafür. Wir treffen mit der Tasse Kaffee in der Hand auf der Terrasse des Hotels mit fünfzig weiteren Irren zusammen und führen kurvige Gespräche mit Ausblick auf den Gardasee. Es könnte schöner nicht sein. Die Saison 2018 war sensationell und atemlos und ist schon wieder fast vorbei. Wir genießen noch einen Bomben-Tag in Italien mit Pasta und Eis und nehmen schweren Herzens Abschied vom Gardasee.

Was nicht heißt, wir hätten keinen Spaß gehabt auf der Heimfahrt.

Unser RnineTeam gönnt sich einige ruhige Minuten auf der Autobahn bis Bozen und biegt dann mit vollem Mojo auf meiner Seite wieder ab in die Berge. Die Kurven brennen sich in mein Gedächtnis, jeder Berg wird aufgeschlürft für den dreckigen Winter in Berlin, die Sonne wärmt und wenn sie es nicht kann, dann die Heizgriffe am Lenker. Menschen in Süddeutschland haben ja keine Ahnung, was für Filme da vor ihrer Haustüre liegen. Doch, tun sie. Ich wohne falsch.

Mit dem Schwung eines Hardcore-Fans fahre ich meine ReineT Pure am nächsten Morgen auf den Parkplatz bei BMW Headquarter und bewege mich noch einen Vormittag wie der Spion aus der Kälte zwischen BMW-Mitarbeitern. Sie sitzen hinter Glasscheiben in Gruppen zusammen und an Sitzinseln mit Kaffee und hecken den nächsten Marketing Coup für uns dreckige Fahrer aus. Ich lasse mich klamottentechnisch beraten in der New Heritage Area, stöbere durch Helmsammlungen und die Unterwäscheabteilung. Beim Mittagessen versuche ich noch mit der Kraft der Verzweiflung, irgendwelche Geheimnisse aus den Menschen zu quetschen.

Doch es hilft alles nicht, der bittere Moment des Abschieds naht. Im Fuhrpark wird mir sanft der Schlüssel aus den Fingern gezogen und das Bike Richtung Hebebühne entführt. Eine Stunde später sitze ich im Zug nach Berlin mit dem Gefühl, meine Arme und Beine losgeworden zu sein.

In der Nacht von Montag auf Dienstag habe ich heftige Alpträume. Ich sehe jede Steilkurve, blicke in jeden Abgrund, ich fahre mit Schwung über jede Begrenzungsmauer in Passlage, rutsche mit dem Vorderrad, rutsche seitwärts, rutsche auf Sand, rutsche den Hang runter, rutsche schweißgebadet in meinem weichen, warmen Bett herum.

Es ist ein kalter Entzug und ich bin ein Junkie, anders kann ich mir das nicht erklären. Deswegen warte ich fieberhaft auf die nächste Saison, auf die nächsten Bilder, auf die nächste Kurve, das nächste Motorrad, den Wind im Helm, die Gerüche in der Nase und die Tränen vom Fahrtwind.