Pure And Crafted To England

Der Idee mit einer vom Pure & Crafted Team zur Verfügung gestellten BMW R Nine T auf eine Tour zu gehen, kann man eigentlich nur schwer widerstehen. Ich auch nicht. Der Modellname „Pure“ passt zum Thema, einer aufs Wesentliche beschränkten Reise mit dem Motorrad. Also ein paar Packtaschen montiert, Zelt und Klamotten hintendrauf und los geht’s.

Der erste Teil der Reise ging zwar nur von München Richtung Stuttgart zum Glemseck 101, war allerdings von der nassen Sorte. Erst dachte ich, ok die Wolken sind etwas tief heute. Es stellte sich dann aber als doch als Regen der heftigeren Art dar. Macht keinen Spaß. Bleibt das so, wie wird das verdammte Wetter dann in England erst sein? Egal, es wird schon irgendein Wetter stattfinden. Am Glemseck angekommen wird schnell das Zelt auf die nasse Wiese geworfen und proforma aufgerichtet. Muss ja nur eine Nacht halten. Dann erstmal ein kurzer Rundgang über das Gelände. Das Glemseck 101 ist schließlich eine seit Jahren wichtige Veranstaltung für zweirädrige Petrolheads. Man trifft immer Bekannte und lernt neue Leute kennen. Aus dem kurzen ist dann letztlich ein längerer Rundgang geworden. Bis zum Sendeschluss nach der kleinen Party im „Sultans Of Sprint“ Zelt.

Der nächste Morgen zeigte sich dann von der etwas sonnigeren Seite. Ziel war der kleine Ort Putte in der holländischen Provinz Nord-Brabant. Dort war mein Treffpunkt mit den anderen Mitreisenden. Ad de Wal vom Jan Hagel Motorklub und seine Frau waren unsere Gastgeber. Natürlich gab es einen Spruch bezüglich der Wahl meines Motorrads, da meine Freunde nur diese amerikanischen… Egal, als Berliner ist man auch in Holland für passende Antworten bekannt. Darauf ein Bier.

Weiter ging’s zur Fähre Calais/ Dover. Ziel an diesem Tag war Bucklesham, ein kleiner, ein ganz kleiner Ort im ländlichen Suffolk. So klein, dass er nicht mal auf meinem echt großen  Reiseatlas zu finden war. Da wir ja „pure and crafted“ unterwegs waren, war das Navi nur für Notfälle oder Stadtdurchfahrten mit in der Tasche. Hier durfte es dann mal ran. Der Zeltplatz war genauso klein wie der Ort, aber schön gelegen und mit echt sauberen Einrichtungen. Wir hatten uns ein Camping-Pod gemietet. Das sind große Fässer mit Bett, kleiner Küche und Toilette. Der englische Regen kann kommen, dachte ich. Kam aber nicht. Auch kein Verlass mehr drauf. Hier war dann unser Ausgangspunkt für die nächsten Tage.

Die Counties Suffolk und auch Norfolk sind jetzt nicht als die großen touristischen Ziele bekannt, aber das bringt uns den Menschen dort näher. In Woodbridge waren wir auf der Suche nach einer Gelegenheit uns ein „Full English Breakfast“  zu gönnen. Ein Gentleman zeigte uns ein wirklich schönes kleines Restaurant und war von einem Gespräch mit uns auch nicht durch die lustigen Slang meiner Freunde abzubringen. Kleiner Exkurs in Seefahrtskunde. Von dem Punkt an hieß er bei mir „Admiral Nelson“. Trotz seiner Pensionierung blieb er der Seefahrt treu und baut jetzt eben Schiffsmodelle, die er mit Freunden auf einem kleinen Pool rumschippern lässt. Keine Zeit für Langeweile.

Wir fuhren an der Küste entlang Richtung Norden. Great Yarmouth und Lovestoft sind die größeren Orte an der Ostküste. Der Küstenlinie nach Norden folgend kommen einige „Seebäder“. Diese Orte hat der Wohlstand wohl aber schon vor längerer Zeit verlassen. Hemsby Beach, eigentlich bekannt für Rock’N’Roll und Hot Rods besteht aus für uns gewöhnungsbedürftigen Spielhallen und anderen Amüsierbuden. Es ist alles etwas in die Jahre gekommen, wie man so schön sagt. Allerdings sind die Menschen dort echt nett. Das macht’s doch gleich wieder angenehm.

Die Straße entlang der Küste weiter nach Norden passiert eigentlich nicht viel. Das Meer bleibt auf der rechten Seite. Die Straße ist recht schmal aber in gutem Zustand und zwischen den Orten gibt’s auch Kurven. Das Schöne an dieser Küstenstraße sind die fehlenden LKW’s, erfrischend anders als an der Adria oder dem Mittelmeer.

Der nächste Tag war für einen Trip nach London reserviert. Von Bucklesham nach London ist es eigentlich nicht so weit. Man kann aber auch die Landstraße wählen. Die führte uns dann nördlich um London herum, bis wir uns doch auf der North Circular Road wiederfanden. Ich dachte, verdammt, diese Ecke kommt mir doch bekannt vor. Also mal anhalten und die elektronischen Helferlein befragen. Tatsächlich ist immer der Nase nach auch nicht so verkehrt. Jetzt noch durch den Verkehr auf der NCR schlängeln und auf eine Tasse Tee ins Ace Cafe einkehren. Es war nicht so viel los, auch die Locals müssen arbeiten und das Wochenende mit der Ace Cafe Reunion stand bevor. Ein Frühstück später sind wir dann auf dem Weg quer durch London zum Bike Shed unterwegs. Do as the Romans do, war unser Motto. Also durchschlängeln bis es an den Spiegeln kratzt. Ich finde es grandios, dass man im Bike Shed den anderen quasi über die Teetasse fährt, um sein Moped zu parken. Zack, durch die Tasse durch und in den Schuppen rein. Warum gibt es sowas nicht zu Hause, dachte ich. Allerdings ist London an sich nicht fürs genussvolle Motorradfahren gemacht. Also ganz schnell wieder raus aufs Land.

Jetzt ging’s weiter nach Birmingham. Kultur stand auf dem Programm. Das National Motorcycle Musuem war das Ziel. Hier habe ich dann meinen britischen Motorrad-Himmel gefunden. Soviel zweirädrige Kultur auf einem Haufen. Unfassbar. 600 Motorräder aus den Jahren 1900 bis 1980. Motorräder jeden Typs, jeder Leistung, vom gewöhnlichen Pendlerbike bis zum Norton Hogslayer oder den unglaublichen Brough Superior. Schade nur, dass so wenig Platz da ist, um all die Gemälde auch angemessen präsentieren zu können. Jede Spende ist willkommen. Auch in England gab es Versuche mit Boxer Motoren, was ich bisher überhaupt nicht so realisiert hatte. Zum einen die Art Deco inspirierte Wooler mit einem 1000 cc Motor, dann aber vor allem eine 1938er Brough Superior mit einem 4-Zylinder Boxer. Jetzt könnte man meinen, dass alle Zylinder schön hintereinander zu finden sind. Nein, wir sind in England, dem Mutterland der Ingenieure. Hier liegen die Zylinder übereinander, also zwei hier und die anderen zwei natürlich auf der gegenüberliegenden Seite. Keine Ahnung, wie das mechanisch ans Laufen gebracht wird.

Am nächsten Tag ging es darum, dem eigentlichen Grund der Reise näher zu kommen, Goodwood in Sussex. Nach mehrjähriger Pause war es wieder soweit, dass wir das Goodwood Revival besuchen wollten, eigentlich mussten. Die Karten hatten wir bereits seit Monaten in der Tasche und freuten uns auf dieses Erlebnis. Der uninformierte Zeitgenosse möge in diesem Zusammenhang beachten:

Dressing for The Goodwood Revival has become de rigueur and as important to the ambiance and general jolliness of the long weekend as the smell of hot grease and the scream of a V 12 on the home straight. … So be sure to dress up in your tweeds and trilbies, starched collar and spats to fully immerse yourself in this nostalgic and bustling atmosphere, at the biggest and best motor racing party of the year.

I LOVE IT.

Die Fahrzeuge, die Rennen, die Menschen, das Ambiente, alles in Goodwood ist „well done with passion“. Diese Leidenschaft für den historischen Motorsport in eine solch grandiose Veranstaltung zu packen, ist einfach nur „geil“. Natürlich ist es eine große Show, aber ich bin Teil der Show und nicht nur Zuschauer. This makes the difference.

Die Barry Sheene Memorial Trophy ist den Motorrädern gewidmet. Norton Manx, gegen Rudge, gegen Vincent, AJS, Matchless und so weiter. Auch BMW war mit 3 Motorrädern angetreten. Und soll ich euch was sagen. F… for Ohrenstöpsel. Eine Norton Manx ist schon ziemlich laut, aber eine BMW R57 Kompressor geht durch den Magen. Gänsehaut inklusive und einfach schön, wenn diese Dinger durch die Schikane trompeten.

Sonntag ging‘s dann leider wieder retour nach Deutschland. Aber es gibt noch einen Ort in England, den ich für meinen persönlichen Lieblingsort erkoren habe. Beachy Head, westlich von Eastbourne an der Kanalküste gelegen. Ein windumtoster Platz, but really lovely. Ich könnte stundenlang da rumstehen und aufs Meer starren.

Auf dem Zeltplatz In Middelkerke/ Belgien trafen wir dann noch Thomas aus Hanau. Er entschied irgendwann seine Firma zu verkaufen und sich mit dem Motorrad durch die Welt zu bewegen. Die Wahl der Waffen war natürlich eine BMW GS. Gebraucht gekauft, der unnützen Anbauteile entledigt ging es erst zum Baikalsee und dann in die Mongolei. Jetzt war nur ein dreiwöchiger „Kurztrip“ nach Irland geplant. Spannende Geschichte für mich.

Den Abschluss der Reise, sozusagen back in Good Old Germany war ein Besuch in Aachen, beim (BMW)-Motorradhändler meines Vertrauens. Aber nur zum Kaffee, keine Reparatur notwendig. Der restliche Weg bis München waren unspektakuläre Autobahn Kilometer. So hatten wir dann von Belgien kommend ca. 950 km an diesem Tag mehr auf dem Tacho. Für den „Eisenarsch“ hat’s nicht ganz gereicht. Mein Kumpel Matz hatte allerdings noch immer nicht genug und fuhr dann am nächsten Tag von München aus noch nach Neapel runter. Alte Steine in Rom begutachten und die Sonne genießen.

In dem Zusammenhang ein großes Danke an meine Reisegefährten Olli, Lutz und Matz, an Ad de Wal vom Jan Hagel Motorklub und Lord March, dem Duke of Richmond für die einzigartigste Motorsport-Party der Welt.