Jan Joswig und Tim Adler auf Reunion-Tour

Es fühlt sich verdammt gut an, einfach mal sentimental zu sein. Tim und ich schmeißen uns in unsere alten BMW-Rallye-Anzüge, mit denen wir schon gemeinsam Rumänien und die Pyrenäen durchstreift haben, und gehen auf Reunion-Tour. Von den BMW Days in Garmisch-Partenkirchen nach Syrakus auf Sizilien, um unseren alten Kumpel Marcin Oz zu treffen. Das 90er-Revival ist durch, es lebe das Frühe-2000er-Revival. Marcin hat uns als DJ Highfish in den Berliner Clubs WMF und Cookies den House-Marsch geblasen und war danach Bassist in der so stilprägenden wie erfolgreichen Band Whitest Boy Alive zusammen mit Erlend Øye, der mit den Kings of Convenience schon zu Weltruhm gekommen war. Dann der rabiate Schnitt. Vor einem halben Jahrzehnt schmiss Marcin die Berliner Türen zu, folgte Erlend Øye nach Sizilien und sattelte auf Winzer und Gastronom um. Tagsüber kümmert er sich um seinen Wein Vini Campisi, abends steht er als Don Marcin seinem Fisch-Bistro Oz & Cappuccio vor. Wein und Fisch, sizilianische Sonne und herausgeputzte Ausgehkultur. Und irgendwann nach Mitternacht schaut Erlend vorbei und klimpert den Rausschmeißer.

Bei unserem Start in Garmisch-Partenkirchen scheint Sizilien ganz weit weg. Auf den BMW Days schüttet es in schlechter Tradition. Aus dem Matsch ans Meer, können wir nur voraushoffen. Auf unserer ersten Etappe zum Gardasee trällern wir zur Einstimmung wider das Wetter Lucio Battistis „Ancora tu“, Peppino di Capris „Sciummo“ und Erlend Øyes „La prima Estate“. Als wir den ersten Ragazzo mit weißen Kopfhörern zu weißer Sonnenbrille treffen, wissen wir, wir sind in Italien. Von nun an grillt uns die Sonne ohne Unterlass. Wir trinken gegen 30 bis 40 Grad Tagestemperatur an. In Italien gibt es noch richtige Sonntagsfahrer: weiches Hirn, weicher Asphalt, viele Unfälle. Zwischen Florenz und Siena wollen die Kurven was von uns. Wir nehmen dankend an. Schon am zweiten Tag beginnt das Kleintiergehege im Bart zu jucken. Und wir lassen uns von regionalen Besonderheiten ins Bockshorn jagen. Was ist das plötzlich für ein helles Sirren beim Fahren? Ist der Ventilator von der Wasserkühlung schrott? Quatsch, die R nineT ist ja luftgekühlt. Also etwa ein Kardanfehler? Anhalten, Helm ab – und aufatmen: Das Sirren stammt von den Zikadenheeren, die den Motor übertönt hatten. 

Wie im perfekten Drehbuch wechseln wir vom toskanischen Kurvendickicht zum Chopperfahren über Baumwipfeln. Auf der Hochstraße am Lago Salto können wir unsere Rücken an die Gepäckrolle legen, die Füße auf die Vorderblinker stützen und das Geradeaus-Cruisen einen guten Mann sein lassen. Die Italiener fahren korrekt. Sie lesen ein 50-Schild nur nicht als 50 Kilometer pro Stunde, sondern als 50 Miles per Hour. Damit können wir leben. Im Naturreservat Parco Nazionale d’Abruzzo verkneifen wir uns das Wildcampen. Die vielen Warnschilder vor Bären haben uns eingeschüchtert. Am 10. Juli rollen wir in Neapel ein, um von hier die Fähre nach Palermo zu nehmen. Zum Glück haben wir einen halben Tag Puffer. Wir sind beide zum ersten Mal in Neapel – und sofort umgehauen. Im Schritttempo hoppeln wir über das römische Kopfsteinpflaster, lassen uns im Rotlichtbezirk von den Zuhältern gnädig durch die Gassen winken, bewundern die Rollerfahrer, wie sie traumwandlerisch den Schlaglöchern ausweichen, inhalieren die brunstige Hektik und genießen die großspurigen Gesten zwischen bröckelnden Fassaden. Hier müssen wir noch mal hin.

Auf der zehnstündigen Überfahrt nach Palermo habe ich auf einer der Kisten mit den Schwimmwesten geschlafen. Mir ist nicht mehr der Text von „Ancora tu“ eingefallen. In Palermo gab es Schwertfische auf dem Straßenmarkt, aber keinen Cappuccino in den Cafés. Mit Milchplörre wird kein echter Sizilianer wach. Auf den Landstraßen einmal quer über die Insel nach Südosten blüht uns eine böse Überraschung. Der alte Asphalt glänzt in der Sonne nicht nur wie Fischschuppen, er ist auch genauso glitschig. Statt einen Kurventango hinzulegen, zirkeln wir steifbeinig durch die Serpentinen. Das Landesinnere ist verbrannt, Farbtupfer bietet nur der allgegenwärtige Plastikmüll.

Syrakus ist eine zweigeteilte Stadt. Auf dem Festland lebt man, auf der Altstadtinsel Ortigia spielt man den Touristen bella Italia vor. In den Gassen des Weltkulturerbes hat die Toskanisierung fürs moderne Baedeker-Publikum rasant zugeschlagen. Ein Café mit Plastikstühlen müssen wir lange suchen. Oz & Cappuccio liegt im Restaurantbezirk der Altstadt, einquartiert in einer alten Garage, die gerade genug Platz für die Küche bietet. Gegessen wird draußen an der Sozialtafel mit rosafarbener Holzplatte. Marcins Kompagnon gehört die erste Fischhandlung am Ort. Oz & Cappuccios Schwertfisch-Burger, frittierte Sardinen und rohe Königsgarnelen sind frischer als in 99 Prozent der anderen Restaurants, schwört Marcin. Erlend Øye empfiehlt Fred Bongusto zur musikalischen Untermalung. Der Rosé „Pink Moon“ aus dem aktuellen Vini-Campisi-Jahrgang ist voluminöser als gewöhnlicher Rosato und maskulin spritzig. Das Winzerhandwerk hat sich Marcin mit Hilfe italienischer Freunde selbst beigebracht. Selbst Hand anlegen, ehrlich arbeiten ohne Effekte, das ist der Grundtenor all seiner Unternehmungen, vom DJ über den Bassisten bis zum Winzer und Gastronom. Die Band Whitest Boy Alive ist nur entstanden, weil sie House-Musik endlich aus der digitalen Black Box befreien und handgemacht auf die Bühne bringen wollte. Der Wein von Vini Campisi kommt natürlich ohne Zusätze aus. Marcins Weinpresse stammt von 1978, ein Panzer, an dem nie etwas kaputt geht. 

Am zweiten Abend bei Oz & Cappuccio stößt noch Feride von der Kosmetikfirma Uslu Airlines zu uns. Marcin, Erlend, Feride – das Berlin der frühen 2000er ist fast komplett. Während die anderen um zwei Uhr nachts nackt baden, versuche ich, mich an den Text von „Ancora tu“ zu erinnern, und irgendein „Pure & Crafted“-Fan schnappt sich beide Spiegel der R nineT als Souvenir.

Im Band „Asterix bei den Schweizern“ brauchen Asterix und Obelix 48 Seiten, um sich bis zum Edelweiß im Schweizer Gebirge vorzukämpfen. Dann reichen drei Panele, um sie einen Berg hinunterrutschen zu lassen bis in ihr Dorf. So ergeht es uns auch auf der Rückfahrt. Von Palermo nehmen wir die Fähre nach Genua: 20 Stunden Nachtfahrt übers Meer statt vier Tagen Motorradtour über Land. In Bayern tauchen wir unter einem Gewitterguss hindurch zum finalen Highlight unserer Tour, einem Besuch bei Edgar Heinrich, dem Chef von BMW Motorrad Design. 

Edgar und seine Frau begrüßen uns mit Spritz und Brotzeit. Ihr Haus liegt am Westufer des Ammersees, dort, wo Bayern im Unterschied zum Starnberger See noch provinziell und reell ist. Edgar überklebt in der Dorfkneipe die Harley-Schilder mit BMW-Stickern, schraubt in seiner Garage nach Feierabend an privaten Projekten wie einer Starrahmen-Matchless oder einer Paris-Dakar-BMW mit HPN-Heck und hält sich den Kopf frei: „Wir sind so TÜV-verbildet, wir trauen uns nicht einmal, Kennzeichenverlängerungen abzuschrauben …“ Bei der GS Trophy in der Mongolei schenkt ihm ein russischer Fahrer sein selbst designtes Trikot, weil Edgars Begeisterung so ansteckend ist. Im Fundus der bayrischen Motorrad-Polizei versorgt er sich mit ausrangierten Ledertaschen, in denen noch die verschiedenfarbigen Kreiden zur Unfallmarkierung stecken. Edgar ist seit 30 Jahren bei BMW – aber das Gegenteil eines Routiniers. Er ist der Erste, der sich über Veränderungen freut: „Beim Modell 1200 GS Rallye haben wir ein niedrigeres Windschild eingesetzt, den Hauptständer weggelassen, Farben rausgeholt – plötzlich läuft es wie geschmiert.“ Nur aus diesem Geist konnte so ein bahnbrechender Coup wie die R nineT resultieren. Zum Abschied wirft Edgar aus dem Handgelenk einen Edding-Gruß auf die Sitzbank der Pure & Crafted R nineT: „Ride hot – look cool“. Am Folgetag übergeben wir das veredelte Motorrad an den nächsten Fahrer, David Biene. Ihm braucht man den Slogan nicht zweimal zu sagen.